SIGISMUND III. Wasa

Polen war im auslaufenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert der bestimmende Machtfaktor Osteuropas.

Die geschickte Politik seiner Könige konnte Polen lange Zeit aus dem Konflikt zwischen dem deutschen Kaiser und dem türkischen Sultan ebenso heraushalten wie aus den in der Regel religiös bemäntelten Machtkämpfen zwischen den Fürsten und dem Königshaus.

Die Reformation fand zwar auch in Polen starken Anklang, sie befruchtete das Geistesleben, führte aber nicht zur dauernden Spaltung der Gesellschaft.

Um den Einfluß des Königs von Polen auf die politischen, gesellschaftlichen und militärischen Entwicklungen der am 30jährigen Krieg beteiligten Koalitionen richtig bewerten zu können, müssen die verwandtschaftlichen Beziehungen und die konkurrierenden Interessen der jeweiligen Vertreter des schwedischen und polnischen Königshauses beachtet werden. Die Wurzeln einer jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Polen und Schweden finden sich im auslaufenden 16. Jahrhundert: Sigismund war der Sohn des Königs Johann III. von Schweden und Enkel Gustav Wasas.

Gustav Wasa (1523 - 1560) gelang es Anfang des 16. Jahrhunderts die namentlich von der katholischen Geistlichkeit gestützte dänische Dynastie zu stürzen und sich selbst die Krone aufzusetzen. Er begründete damit das nationale schwedische Königstum. Wollte Gustav Wasa seinen Thron sichern, mußte er vor allen Dingen die anmaßende und mit Dänemark paktierende katholische Hierarchie vernichten. Dieses Ziel wurde unter Hinzuziehung der Bürger, Bauern und Bergleute auf dem Reichstag zu Westeros politisch bestätigt.

Auf diesem Reichstag wurde der Protestantismus als staatstragende Religion etabliert und in der Folgezeit rücksichtslos durchgesetzt.

Der Nachfolger Gustav Wasas war dessen Sohn Erik XIV. Erik war ein hochbegabter, gebildeter Renaissancefürst, dessen Ziele die Durchsetzung des Absolutismus im Inneren, und die Sicherung der schwedischen Vormacht gegenüber den norwegisch-dänischen Interessen war.

Er war zu dieser Zeit siebenundzwanzig Jahre alt und entsprach allen Klischees eines Schweden: er war blond, hatte blaue Augen, war von stattlicher Figur und sein Gesicht umrahmte ein eindrucksvoller Bart. Erik hatte drei Brüder: Karl, der Herzog von Södermannland, war hart, konsequent und energisch; Magnus war Herzog von Östergötland, aber ein wenig wahnsinnig, und Johanns, Herzog von Finnland; er war der Liebling seines Vaters gewesen und lebte nach der Devise: "Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tod".

Johanns war nicht nur mit dem Titel eines Herzogs von Finnland ausgestattet, sondern auch mit den Geldmitteln versehen, die ein Herzogtum erwirtschaftete und die er recht großzügig mit seiner Geliebten, Karin Hansdotter, in Turku verjubelte. Soweit, so normal; - für damalige schwedische Verhältnisse.

Doch dann machte Johanns eine nach Meinung des Hofes gefährliche Dummheit: er unternahm eine Kulturreise nach Krakau und verliebte sich unsterblich in Katharina Jagellonica, der Schwester König Sigismund II. von Polen und Tochter der schwerreichen Mailänder Fürstin Bona Sforza. Johanns schlug alle Warnungen seiner schwedischen Verwandten in den Wind und heiratete Katharina.

In der Folge glaubte Johanns tatsächlich, als Herzog von Finnland unabhängig vom schwedischen Hof zu sein. Er übersah aber dabei, daß er nur Lehnsmann seines Bruders, des Königs, war. Als er dann mit seinem polnischen Schwager daran ging, über mögliche Grenzkorrekturen zwischen Finnland und Polen zu verhandeln, verstand man in Stockholm keinen Spaß mehr, denn das war "Reichsverrat" und kostete normalerweise den Kopf.

Man verurteilte Johanns in Abwesenheit zum Tode, und schickte Expeditionstrupps nach Polen, um ihn gefangenzunehmen. Johanns zog ihnen mit einem Heer entgegen, wurde aber geschlagen und als Staatsgefangener in den Turm des Schlosses Gripsholm gesperrt.

Johanns entkam nur deshalb dem Henker, weil sich Schweden unerwartet großer innen- und außenpolitischer Probleme gegenübersah.
Außenpolitisch befand es sich im Krieg mit den Polen, Dänen und den Lübeckern um die Häfen in Livland.
Innenpolitisch wurde es nicht nur von der Pest heimgesucht, sondern durch einen Mordfall aufgerüttelt, in den sogar der schwedische König Erik verwickelt war.

Schon die Heimsuchung durch die Pest ließ die Schweden daran zweifeln, ob sie wirklich den richtigen König besaßen. Ein Mord ihres Königs an den Söhnen einer Adelsfamilie bestätigte ihre Vermutung, daß ihr König wahnsinnig sei.
Der Wahnsinn des Königs manifestierte sich nicht nur in Argwohn, Verfolgungswahn und Grausamkeiten, es folgten auch immer wieder Zustände reuevoller Einsichten.
In einem solchen Zustand der Reue schenkte Erik dem "Reichsverräter" und Schwager seines polnischen Gegners, seinen Bruder Johanns, wieder die Freiheit.

Seine königliche Karriere beendete Erik durch eine Heirat. Im Juli 1568 heiratete er Karin, ein Mädchen aus dem Volk. Was in Märchen zu Herzen geht, war für den schwedischen Hochadel eine Provokation.
Während Erik noch die Hochzeit feierte, kam es bereits im gesamten Land zur Rebellion; wobei der begnadigte Herzog Johanns die treibende Kraft war...

Im August 1568 wurde König Erik von einem Heer der Aufständischen besiegt und gefangengenommen. Damit niemand auf den Gedanken kommen sollte, den König zu befreien, wurde Erik ständig in verschiedenen Festungen gefangengehalten. Irgenwann erschien diese ständige Verlegung des königlichen Aufenthalts einigen Adligen zu aufwendig und man mischte dem König im Jahre 1577 ein wenig Gift in die Mahlzeit...

Nachdem auch der rechtmäßige Thronfolger, Gustav, der Sohn Eriks aus erster Ehe, im Kampf gegen Zar Iwan IV. getötet wurde, war der Weg für Johanns frei: am Neujahrstag des Jahres 1569 wurde er als Johanns III. zum König von Schweden gewählt.

Johanns wurde der große Freund des Adels. Der große und der kleine Adel wirtschafteten fleißig in die eigenen Taschen, und der König entwickelte sich zum großen Bauherrn. Beides mußte das Volk erarbeiten, und das, nachdem der siebenjährige Krieg mit Dänemark zwar beendet, aber die wichtigsten Häfen und Festungen an der Küste dem Feind überlassen werden mußten. Außerdem war die Bedrohung durch Rußland latent stets vorhanden, und auch in Schweden flammten ständig Aufstände der Anhänger des toten Königs Erik auf.
Die Aufstände wurden niedergeschlagen und die Aufständischen enthauptet. Einer der mitangeklagten Täter konnte gerade noch seinen Kopf aus der Schlinge ziehen: Herzog Karl, der Bruder des Königs.

Johanns war ein sehr gefühlsbetonter Herrscher, und so war es nicht verwunderlich, daß der nüchterne protestantische Gottesdienst nicht seinem Geschmack entsprach. Sicher haben die polnischen und Mailänder Verwandten ihn in seiner Absicht bestärkt, die schwedische Kirche in die römisch-katholische Kirche wiedereinzugliedern. Doch seine Bedingungen waren für Rom unannehmbar.

Obwohl Johanns viele Anhänger für seine Absicht fand, die Liturgie der katholischen Kirche wiedereinzuführen, gab es andererseits glaubenstreue protestantische Flüchtlinge, die bei Herzog Karl, dem Bruder des Königs, Asyl fanden.

Karl fand sich damit plötzlich und ungewollt in der Rolle des Schutzherrn des "reinen Wortes Gottes" wieder. Aber Karl war in erster Ehe mit einer reformierten Deutschen verheiratet und daher dem Calvinismus eher zugetan als dem aggressiven orthodoxen lutherischen Oppositionellen. Natürlich war es ihm nicht unangenehm, verfolgte Lutheraner in einem möglichen Kampf um die Macht hinter sich zu wissen. Karl saß zwar im Kampf um den Thron am kürzeren Hebel, denn sein Bruder war der König, aber Karl begriff besser als Johanns, daß die Einführung der Reformation durch Gustav Wasa in Schweden nicht in erster Linie eine Glaubensfrage als vielmehr eine ökonomische und politische Notwendigkeit zur Sicherung der Wasa-Dynastie gewesen war.

Folglich mußte der Versuch, Schweden wieder katholisch werden zu lassen, irgendwann scheitern. Karl wußte auch, daß Sigismund, der Sohn Johanns und Thronfolger, der sich fast ständig in Polen aufhielt, ebenfalls katholisch erzogen war. Die katholische Erziehung Sigismunds war aber nicht der Laune eines Herrschers entsprungen, sondern hatte strategische Gründe: Die Mutter Sigismunds entstammte dem litauischen-polnischen Adelshaus der Jagellonen und leitete dadurch Ansprüche auf den polnischen Thron ab. Wer Ansprüche auf den polnischen Thron anmelden wollte, mußte katholisch sein.

Als der Polenkönig Stephan Bathory, Fürst von Siebenbürgen, das Zeitliche segnete, bildete sich eine starke polnische Partei, die den Neffen der Königinwitwe auf den Thron setzen wollte. 1587 wurde Sigismund zum König von Polen gekrönt.

Sigismund III., Wasa Die Krone hatte ihren Preis; der polnische Adel diktierte Sigismund sofort seine Bedingungen: Sigismund durfte Schweden nur besuchen, wenn es ihm der polnische Reichstag gestattete, und er sollte Estland, das sich unter schwedischer Herrschaft befand, in polnischen Besitz bringen. Ein Krieg zwischen Schweden und Polen war nun nicht mehr zu vermeiden; - es sei denn, Sigismund würde auch der Nachfolger Johanns auf dem schwedischen Thron werden! Die Nachfolge stand 1592 zur Debatte: König Johanns von Schweden war verstorben. Sigismund, der rechtmäßige Thronfolger war durch den Winter an einer Reise nach Schweden gehindert. Sofort war Sigismunds Oheim, Herzog Karl, zur Stelle, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, und so konnten sich die Anhänger des "reinen Wortes Gottes" sammeln und gegenseitig Mut zusprechen. So wurde in Uppsala in Abwesenheit Sigismunds das apostolische Glaubensbekenntnis festgeschrieben; - Schweden war wieder lutherisch!

Als Sigismund ein halbes Jahr nach der Festlegung in Uppsala seine rechtmäßige Thronbesteigung in Schweden antrat, waren in seinen Weihrauchschwaden auch Jesuiten und die altgläubigen Katholiken erschienen, die öffentliche katholische Gottesdienste verlangten. Das führte zu blutigen Auseinandersetzungen mit der lutherischen Bürgerschaft von Stockholm.

In jener Zeit wurde in Schweden religiösen Fragen größere Bedeutung beigemessen als notwendigen politischen Entscheidungen. Sigismund mußte sich entscheiden, ob er die Beschlüsse von Uppsala akzeptieren oder auf seinen Thron verzichten wollte.
Er ließ sich für seine Entscheidung zunächst einen Winter lang Zeit. Dann schrieb er an den Papst - der sein früheres Angebot einer Rekatholisierung Schwedens an unannehmbare Bedingungen geknüpft hatte - einen bitterbösen Brief, in dem sich Sigismund über eine angeblich "ihm abgerungene und damit ungültige Versicherung" beschwerte und war anschließend bereit, die Beschlüsse von Uppsala anzuerkennen.

Somit wurde Sigismund als rechtmäßiger König von Schweden bestätigt; Karl wurde nicht wie erwartet Stellvertreter des Königs, sondern regierte gemeinsam mit dem Reichsrat. Bevor Sigismund nach Krakau zurückreiste, legte er für Oheim Karl noch einige diplomatische Fallen und etablierte dem König ergebene Männer als Verwalter, die sich überhaupt nicht um die Wünsche des Reichsrates scherten.

Die Lage, in der sich Herzog Karl befand, war nicht gerade beneidenswert: die Anhänger des Königs waren fest im Sattel, der Reichsrat wollte nicht so, wie es Karl gern wollte, und seine zweite Ehe mit Christine von Holstein-Gottorp brachte ihm aufgrund des calvinistischen Einflusses, den Christine mitbrachte, nicht den nötigen Rückenhalt beim orthodoxen lutherischen Adel.

Karl machte aus seiner Lage das Beste: am 9. Dezember 1594 wurde ihm ein Sohn geboren. Man gab dem Kind den Namen des großen Wasa, Gustav, und als zweiten den Namen seines Großvaters mütterlicherseits, des Herzogs Adolf von Holstein-Gottorp: Gustav Adolf...

In Polen ließ Sigismund keine Fragen der Nachfolge aufkommen: sein inzwischen geborener Sohn hieß Wladislaw.

In Schweden kam es in den Jahren ab 1595 zu Bauernaufständen im Herzogtum Finnland.
Herzog Karl schlug daraus politisches Kapital. Er versuchte den Reichsrat zu überzeugen, daß er, Karl, die Regierungsgeschäfte übernehmen sollte. Nach vielen Querelen und der Drohung Karls, alle seine Ämter niederzulegen und Schweden damit dem Chaos zu überlassen, stimmte der Rat zu, daß Karl die Regierungsgewalt übernahm.
Daraufhin drohte Sigismund 1598 mit einem Angriff auf Schweden.
Die Erfolgsaussichten waren nicht schlecht: Sigismund hatte noch viele gute Freunde unter dem schwedischen Adel, und sogar der finnische Adel unter Arvid Stalarm war herbeigeeilt, um den Polenkönig im Kampf zu unterstützen, während sich Karl nur auf das Bürgertum und den Bauernstand stützen konnte.

Ein Sieg Sigismunds war nicht auszuschließen, und trotzdem kam es zu einer Entwicklung, die zu den Geheimnissen schwedischer Geschichte gehören: Sigismund verhandelte, machte Konzessionen - und segelte im Oktober 1598 nach Danzig zurück.

Die Historiker von heute rätseln noch, was wohl Sigismund zu diesem strategischen Fehlverhalten veranlaßt haben mag. Karl nutzte die Gunst der Stunde und handelte sofort: der irritierte schwedische Adel ernannte ihn zum "regierenden Erbfürsten".

Die neue "fürstliche Hoheit" schmiedete das Eisen, solange es glühte: auf einem 1599 einberufenen Reichstag wurde Sigismund abgesetzt. Sein Nachfolger sollte sein Sohn Wladislaw werden, - wenn er in Schweden als Lutheraner erzogen würde. Die Gründe sind nicht nachvollziegbar, aber Sigismund nahm nie offiziell Stellung zu diesem Vorgang; allerdings verzichtete er auch nie auf die Krone.

Taktisch geschickt löste Sigismund im Gegenzug sein Wahlversprechen gegenüber dem polnischen Reichstag ein und trat Estland, das schwedisch war und unter der Oberhoheit Karls stand, an Polen ab, um dadurch Schweden in einen Krieg mit Polen zu verwickeln.

Dafür wurde Sigismund im Jahre 1600 von den schwedischen Reichsständen bestraft: sie beschließen in Linköping, Sigismund die Krone für immer abzuerkennen und sie Herzog Karl anzubieten.

Das war natürlich eine Verletzung des Erbrechts, denn eigentlich hätte den Thron der jüngere Sohn König Johanns III., Herzog Johann von Östergötland besteigen müssen. Aber viele sahen in Karl den "Retter des Protestantismus" und Wahrer der Reichseinheit.

Der "Retter des Protestantismus" lehnte die Krone jedoch ab! Für viele Historiker ist diese Reaktion mit einem großen Fragezeichen versehen; war es doch Karl selbst, der bisher unbeirrt auf dieses Ziel hingearbeitet hatte. Karl lehnte zwar die Krone (zunächst) ab, - regierte aber das Reich auch ohne Krone.

Was jedoch dann geschah, ging als "Blutbad von Linköping" in die Geschichte Schwedens ein und hat das Ansehen der Wasas mit Blut befleckt.

Karl sah die Stunde der Abrechnung für gekommen. In Linköping saßen auch jene Ratsherren, die einst Anhänger Sigismunds waren, also auf Seiten des legitimen Königs standen. Jene, die nach dem Machtwechsel reumütig auf den Knien lagen, wurden begnadigt; aufrechte Männer, die Geschichte schrieben, wie Baner, Sparre, Bielke und andere bezahlten mit dem Leben. Sparre war zum Beispiel als Kanzler Vorläufer von Oxenstierna und sogar der Pate von Gustav Adolf...

Noch fünf Jahre später wurde der hochangesehene Rechtsgelehrte Bielke enthauptet, weil er "drohende und schmähende Äußerungen über König Karl getan habe".

Natürlich werten insbesondere schwedische Historiker die Taten Herzog Karls etwas moderater und begründen sie mit historischen und machtpolitischen Notwendigkeiten.

Aber es bleibt dabei: Karl war ein Massenmörder. Vierzig Jahre vor diesen Morden wurde König Erik IX. wegen einfachen Mordes abgesetzt, gefangengenommen und vergiftet!

Es gelang aber Karl durch sein Terrorsystem nicht, alle Anhänger und Sympathisanten Sigismunds in den Reihen des schwedischen Adels zu töten oder zu neutralisieren.

Im Gegenteil: er schuf sich eine Phalanx von Feinden - und seinem Sohn ein schweres Erbe.

1603 wurde erneut eine geplante Erhebung niedergeschlagen, und Karl mußte erkennen, daß er auf Dauer seine Machtposition nur mit dem damit verbundenen Titel eines Königs halten konnte. Insofern kam es ihm gelegen, daß ihm im Jahre 1604 auf dem Reichstag in Norrköping erneut die Krone angetragen wurde; - und er nahm sie als König Karl IX. an.

Mit der offiziellen Krönung in Uppsala mußte sich Karl bis 1607 Zeit lassen.

Im Baltikum standen sich wieder schwedische und polnische Heere gegenüber, und die Polen verfügten in dieser Zeit über eine Reiterei, Kosaken genannt, der die Schweden nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Bei Kirkholm erlitten die Schweden eine kathastrophale Niederlage, und um ein Haar hätte Karl zu den Opfern gehört.

Die erbitterte Feindschaft zwischen der schwedischen und polnischen Linie des Hauses Wasa warf ihre Schatten sogar bis nach Moskau: Sigismund von Polen dachte durch Unterstützung des berühmt-berüchtigten "falschen Dimitri" bei dessen Thronbesteigung mit Hilfe des russischen Heeres eine zweite Front gegen die Schweden aufzubauen. Dessen kurze Regierung in Moskau war zwar für den Einfluß Polens bedeutsam, weckte aber auch den Haß gegen die Eindringlinge; - beim Sturz des falschen Dimitri wurde das gesamte polnische Gefolge ermordet.

Der Schwedenkönig Karl konterte, indem er Zar Wassili Sujskij unterstützte. Zum erstenmal in der Geschichte zogen die Schweden gegen Moskau - und erreichten es auch! Allerdings mußten sie ihre hochfliegenden Pläne, einen Wasa auf den Zarenthron zu setzen, aufgeben: die Söldner meuterten und der Feldherr De la Gardie wurde vom polnischen Heer geschlagen.

Am 27. Juli 1610 wurde der Sohn Sigismunds, Wladislaw zum Zaren gewählt. Als im Oktober des gleichen Jahres das gemeinsame Heer des zweiten falschen Dimitri und das der Polen den Moskauer Kreml erobern und Wassili Sujskij gefangen nehmen, verweigert Sigismund die Anerkennung der Zarenkrone für seinen Sohn: - er will selbst Zar werden.

Nicht nur das schwedische Heer beginnt nach dem Rußlandfeldzug zu meutern, das gesamte schwedische Volk murrte. Die Bürger schimpften auf den Kolonialkrieg in Estland und Livland, über die drückenden Steuerlasten, über den Kriegsdienst und Tod ihrer Väter und Söhne; der Adel beklagte seine Opfer unter dem Henkersbeil.

In dieser Zeit der Unruhen schlichen die Agenten König Sigismunds von Polen durch Schweden und verlasen Aufrufe des vertriebenen Sigismund "an sein schwedisches Volk": das irregeleitete christliche Schwedenvolk solle doch zu seinem gottgegebenen König und zum althergebrachten Glauben zurückkehren...

Das solche (öffentlichen) Aufrufe überhaupt möglich waren, dokumentiert die Zerrissenheit der schwedischen Gesellschaft und belegt die Schwäche König Karls.

Um den Fortgang der Dynastie zu sichern, ließ sich Karl 1607 feierlich krönen, und machte bei dieser Gelegenheit klar, wer sein Nachfolger werden sollte: nämlich der "Großfürst von Finnland und Herzog von Estland und Livland" Gustav Adolf .

Nur unter Schmerzen konnte König Karl IX. den vorgeschriebenen Huldigungsweg von Stadt zu Stadt, die "Eriksgata", absolvieren; er war bereits ein vom Tode gezeichneter Mann.

Der König konnte die Eriksgata nicht abschließen. Wie zu lesen steht, hat ihn der Schlag getroffen; er konnte sich längere Zeit nicht frei bewegen und nur undeutlich sprechen.

Für die Schweden erschien ein weiteres unheilvolles Zeichen am Himmel: der Halleysche Komet; - für Schweden brachte er wieder Krieg, diesmal mit Dänemark.

In diesem Krieg betrat erstmals kämpferisch ein Mann die Bühne der Weltpolitik, die er erst 1632, tödlich getroffen, als König Gustav II. Adolf von Schweden verlassen sollte.

Fast wäre der Traum von einer Rückkehr König Sigismunds auf den schwedischen Thron Wirklichkeit geworden: lange Zeit schien es so, als wenn Gustav Adolf kinderlos bleiben sollte. Im Jahre 1623 aber schien der Wunsch Gustav Adolfs nach einem Thronfolger in Erfüllung zu gehen. Doch das Mädchen, Christine genannt, starb nach einem Jahr.

Der Vetter Sigismund in Krakau witterte Morgenluft und entsandte bereits Agenten in den Norden, die für seine Rückkehr nach Schweden agitierten, denn schließlich fühlte er sich immer auch noch als schwedischer König. Er hatte - nachdem er als rechtmäßig gekrönter schwedischer König aus seinem Land verdrängt wurde - die Krönung des neuen (Gegen-) Königs Karl IX., des Vaters Gustavs Adolfs, nie anerkannt und niemals auf seinen Titel verzichtet. Falls Gustav Adolf kinderlos blieb, so hätte er nach den damaligen dynastischen Regeln seinen rechtmäßigen Anspruch auf den schwedischen Thron Nachdruck verleihen können. Gustav Adolf traf jedoch Vorkehrungen für den Fall, daß seine Ehe kinderlos bleiben sollte: seine Schwester hatte einen Sohn, Karl X. Gustav , einen Wasa, und der sollte im Ernstfall den Thron erben. Und in der Tat wurde später Karl Gustav König von Schweden.

Allerdings mit zeitlicher Verzögerung und auf Umwegen, denn Ende 1626 schien der Wunschtraum Gustav Adolfs in Erfüllung zu gehen. Seine Träume und die Voraussagen der Astrologen verhießen einen Sohn; - aber es wurde wieder ein Mädchen! Es wurde - aus Trotz - wieder Christine genannt und blieb am Leben. Christine Wasa wurde nach dem Tode ihres Vaters Königin von Schweden und später weltbekannt. Sie war eine hochkultivierte und gebildete Dame, aber als Regentin eines auf Expansion ausgerichteten schwedischen Reiches ungeeignet. Am Ende ihrer Tage war sie ohne Krone und wieder katholisch geworden. Sie starb in Rom.

So wie die Polen immer Anspruch auf den schwedischen Königsthron erhoben, meldeten auch die schwedischen Wasas ihre Ansprüche auf den polnischen Thron an: nachdem der polnische König Sigismund im Frühjahr 1632 in Krakau beigesetzt war, hatte Gustav Adolf seine Anwartschaft auf den polnischen Thron angemeldet. Drei Tage vor der Schlacht bei Lützen wählten jedoch die Polen einmütig - für polnische Verhältnisse wirklich erstaunlich - Sigismunds Sohn, Wladislaw IV., zu ihrem König. Wladislaw, der seinen Mitbewerber Gustav Adolf sehr bewundert haben soll, erbat sich später von dessen Witwe, Maria Eleonore, das Schwert des in der Schlacht bei Lützen tödlich verwundeten Schwedenkönigs, "um es alltäglich in Ehrfurcht zu ziehen".

Die Schweden hätten Jahre später das Schwert ihres Königs lieber in anderen Händen gesehen, denn als das ehemals von Gustav Adolf verhandelte militärische Stillhalte-Abkommen zwischen Polen und Schweden auslief, nahm Wladislaw den Schweden die lukrativen Ostseestädte auf preußischem Boden wieder ab; - so wie es Gustav Adolf im umgekehrten Fall sicher auch getan hätte...

Soweit zu den historischen Hintergründen der konkurrierenden Interessen des polnischen und des schwedischen Königshauses. Man sollte glauben, daß die beiden Völker schon durch die Machtkämpfe ihrer Könige und denen, die es werden wollten genügend Leidensfähigkeit aufbringen mußten.Damit allein war es offenbar nicht genug, denn natürlich wollten auch die Könige Schwedens und Polens die momentane Schwäche der Habsburger zu ihrem Gunsten nutzen. Gustav Adolf griff dafür unmittelbar in die Kämpfe auf deutschem Boden ein und kam dabei ums Leben.

Sigismund war nur mittelbar beteiligt und stellte keine unmittelbare Gefahr für die Habsburger dar. Schließlich war er als frommer Katholik von Jesuiten erzogen worden und hatte sich zweimal seine Gattin aus dem Hause Habsburg erwählt.
Sein militärisches Potential war groß genug, um Schweden oder Dänemark an einer Okkupation der gesamten Ostsee zu hindern. Im Süden grenzte sein Reich an Schlesien und hätte dadurch die Protestanten in Schlesien und Böhmen bedrohen können.

Als 1619 die böhmischen Stände König Ferdinand, einen Habsburger, als König von Böhmen für abgesetzt erklärten und Friedrich von der Pfalz zu ihrem neuen König wählten, konnte allerdings Sigismund den damals schwer angeschlagenen Schwager aufgrund von Protesten des polnischen Landtages nicht mit Entlastungsangriffen zur Hilfe kommen.
Es war schon verwunderlich, daß Sigismund den neuen böhmischen König Friedrich überhaupt anerkannte. Sein Konkurrent, Gustav Adolf von Schweden, hatte Friedrich bereits als zweite Front auch im Kampf gegen Polen eingeplant.

Der Versuch, mehrere Fronten gegeneinander aufzubauen, wurde von Gustav Adolf und Sigismund fast wie ein Schachspiel betrieben: als 1619 der calvinistische Georg Wilhelm, der Sohn des Brandenburger Kurfürsten, seinem Vater auf dem Thron nachfolgte, versuchte dessen lutherische Mutter, ihn zu Gunsten des zweiten, lutherischen Sohnes zu stürzen. Der junge Kurfürst rief daraufhin den benachbarten Polenkönig um Hilfe an.
Seine Mutter traf unverzüglich Vorbereitungen, ihre älteste Tochter ohne Zustimmung ihres Bruders an den König von Schweden, den Todfeind Sigismunds zu verheiraten; - mit Erfolg...

Daraufhin trat Sigismund die heißumstrittene Provinz Preußen als Lehen der polnischen Krone an Brandenburg ab. Der Kurfürst konnte diese Bestechung kaum annehmen, ohne sich dadurch zur Unterstützung der Habsburger verpflichtet zu fühlen.

Im Jahre 1625 konkurrierten Gustav Adolf und der Dänenkönig Christian IV. um den Oberbefehl bei einem von Frankreich und England unterstüzten Angriff auf Deutschland.

Da sich der Führungsanspruch des Schwedenkönigs nicht durchsetzen ließ, zog sich Gustav Adolf beleidigt zurück und begann im Juli 1625 einen neuen Angriff gegen Sigismund von Polen. Der Krieg gegen Polen hatte ja - nach eigenen Worten des Schweden - "nur begraben unter der Asche des Waffenstillstandes geschwelt".

Er hatte den falschen Zeitpunkt für einen Angriff gewählt: die Habsburger standen auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

Sigismund bekam spanisches Geld und Soldaten aus Brandenburg. Der Brandenburger Kurfürst wurde unter Drohungen vom Kaiser gezwungen, mit seiner Armee nicht seinen Schwager Gustav Adolf zu unterstützen, sondern seinen Verpflichtungen als Vasall Sigismunds nachzukommen. Auch Wallenstein unterstützte Sigismund mit einem Hilfskorps. Gustav Adolf hatte plötzlich alle Hände voll zu tun, um nicht das Gesicht und sein Heer zu verlieren.

Seinen Plan, sich die Ostsee als Binnenmeer Schwedens einzuverleiben, muß Gustav Adolf aufgeben. Ein durch Richelieu vermittelter Waffenstillstand zwischen Polen und Schweden verhinderte das Schlimmste.

Erst 1629 konnte Gustav Adolf durch Bündnisse mit Stralsund und Stützpunkte in Pillau und in anderen Hansestädten die militärische Einflußnahme Sigismunds neutralisieren.

Obwohl verwandtschaftliche Bande Sigismund und den Deutschen Kaiser zum gegenseitigen Beistand verpflichteten, war jeder darauf bedacht, den Krieg auf dem Territorium seines Schwagers in Gang zu halten. Solange die Schweden in Polen Krieg führten, wurden sie davon abgehalten, Deutschland zu ruinieren; mit der gleichen Logik verfolgten später auch die polnischen Diplomaten die Okkupation der Schweden in Deutschland.



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