Matthias

Matthias war der älteste Bruder des von 1576 bis 1612 regierenden Kaisers Rudolph II. .
Er war Erzherzog und Statthalter des Kaisers mit der Vollmacht über Krieg und Frieden in den Erblanden der Habsburger.

Matthias "...war ein Mann von Herrschsucht und gänzlich ohne die Kraft, sie zu verwirklichen; tückisch und träge."[2]

Aber er war ein Mann, bei dem eine menschliche Eigenschaft besonders stark ausgeprägt war: - der Neid auf seinen Bruder, den regierenden Kaiser.

Dieser war mit seelischen Fehlentwicklungen und mit nachweislich körperlichen Schwächen vorbelastet, 1576 zum deutschen Kaiser und zum König von Böhmen gewählt worden.

Rudolfs geistige Auffälligkeit, die während seiner gesamten Regierungszeit für Unruhe sorgte, zeigte um das Jahr 1600 verstärkt emotionale Veränderungen und zunehmende Führungsschwächen, die sich auch nach außen hin nicht mehr verbergen ließen.

Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis sich im ganzen Heiligen Römischen Reich der Verdacht verbreitete, daß der Kaiser wahnsinnig sei. Auch venezianische und päpstliche Gesandte redeten unumwunden von der "Hauptblödigkeit" des Kaisers.

Auffallend ist aber, daß das Gerücht von der Geistesschwäche des Kaisers zu der Zeit verstärkt aufkam, als Matthias, der Bruder Rudolfs, den Kampf um die Macht im Reich begann.

Der Verdacht liegt nahe, daß Matthias seinen regierenden Bruder Rudolf dadurch auszuschalten versuchte, daß er ihn als einen regierungsunfähigen Psychopathen abqualifizierte, um so seine eigene Position innerhalb der Familie und der politischen Führungsschicht jener Zeit aufzuwerten.

Natürlich durften Matthias und seine Brüder, die Erzherzöge Maximilian und Ferdinand den Rufmord an ihrem Bruder nicht überziehen, sonst liefen sie Gefahr, daß das Haus Habsburg seine Ansprüche auf die Kaiserkrone verlieren könnte.

Denn in der Goldenen Bulle von 1356 war festgeschrieben, daß die Kurfürsten den Kaiser für regierungsunfähig erklären können. Der sächsische und der Pfälzer Kurfürst wären in diesem Fall zum Reichsvikar ernannt worden und hätten bis zur Wahl eines Nachfolgers die Regierung des Heiligen Römischen Reiches übernommen. Und es war durchaus nicht sicher, daß der Nachfolger auch ein Habsburger sein würde.

Im Lauf des Jahres 1606 entschied der habsburgische Familienrat, Matthias als Nachfolger des Kaisers zu lanzieren. Diese Entscheidung an sich hatte zwar noch keine Auswirkung auf einen möglichen Thronwechsel; den Kaiser wählten immer noch die Kurfürsten. Aber Matthias begann an seiner Karriere zu arbeiten:

Um die notwendige militärische Bewegungsfreiheit zu bekommen, nahm Matthias zunächst mit den sich im Aufstand befindlichen ungarischen Ständen Kontakte auf.

In Ungarn hatten sich die Stände unter Führung des Fürsten Stefan Bocskay erhoben. Sie wurden dabei unterstützt von dem mächtigen Gegner der Habsburger, dem türkischen Großsultan.

Der ungarisch-siebenbürger Aufstand war zu einer alle Schichten umfassenden Bewegung geworden, die sich unter der Losung religiöser Freiheit gegen die Habsburger Rekatholisierung wandte.

Matthias schloß mit dem Fürsten Bocskay im Namen des Kaisers Frieden und mit den Türken einen dreijährigen Waffenstillstand.

Die diplomatischen Erfolge Matthias waren Rudolf II. zutiefst zuwider, und er versuchte alles, um dessen Ziele Matthias zu durchkreuzen. Die Erscheinung des Halleyschen Kometen im Jahre 1607 war für Rudolf II., der von der Astrologie geprägt war, ein untrügliches Vorzeichen für seine seit langem gehegte Befürchtung, daß sein Bruder einen blutigen Anschlag auf ihn plane.

Zunächst weigerte sich Rudolf, den Friedensvertrag mit Bocskay und den Waffenstillstandsvertrag mit den Türken zu unterzeichnen.

Dann begannen beide Brüder aufzurüsten; ebenso die böhmischen Stände. Jeder bedrohte jeden.

1608 schickte der Kaiser demonstrativ den Erzherzog Ferdinand (den späteren Kaiser Ferdinand II. ) als seinen Vertreter auf den Reichstag nach Regensburg. Die Absicht war unverkennbar: Ferdinand und nicht Matthias sollte seine Nachfolge im Reich antreten.

Kurzentschlossen marschierte daraufhin Matthias mit 20.000 Mann in Böhmen ein, um durch Vertreter der böhmischen Stände erklären zu lassen, daß Rudolf als König Böhmens abgesetzt sei.

Im Grunde war das Vorgehen Matthias nichts anderes als ein Umsturzversuch, ein Putsch.

Der Kaiser mußte unter dem Eindruck der militärischen Bedrohung einen Vergleich eingehen und Matthias als König von Ungarn und Verwalter von Ober- und Niederösterreich und Mähren akzeptiern.

Inzwischen hatte Rudolf jedoch auf einem in Prag einberufenen Landtag den böhmischen Ständen Religionsfreiheit versprochen. Im Gegenzug stellten die Böhmen ein Heer zum Schutze Rudolfs auf.

Das militärische Gleichgewicht schien wieder hergestellt zu sein.

Allerdings machte Rudolf in der Folgezeit zwei verhängnisvolle Fehler:

Im Jahre 1609 versuchte er die Spaltung der Böhmen auszunutzen und entzog den Protestanten die religiöse Duldung.

Das löste eine Krise im Reich aus, und ein drohender nationaler Aufstand zwang den Kaiser im Juli 1609 in einem sogenannten "Majestätsbrief" den protestantischen Gottesdienst zu garantieren.

Der zweite Fehler war der Auftrag des Kaisers an seinen etwa dreißigjährigen Neffen, Erzherzog Leopold , ein Heer anzuwerben.

Leopold galt als ein ehrgeiziger Phantast und Abenteurer, der zu allem Überfluß auch noch Bischof von Passau war. Das sogenannte "Passauer Kriegsvolk" wurde zur Geisel der heimgesuchten Bevölkerung und entzog sich jeder militärischen Disziplin. Ursprünglich waren die 12.000 Mann für den Einsatz im Jülich-Kleveschen Erbstreit bestimmt. Aber zunächst saugte die Horde das Bistum an der Donau aus, suchte 1610 Oberösterreich heim und fiel anschließend, auf noch größere Beute hoffend, in Böhmen ein. Tatsächlich eroberte das "Passauer Volk" die Kleinseite Prags und konnte nur durch Truppen der böhmischen Stände daran gehindert werden, über die Moldau zu setzen und in die Neu- und Altstadt einzufallen, um wie sie vorgaben, den Kaiser zu schützen.

Vorsorglich riefen die bewaffneten Böhmen Matthias um Hilfe.

Unter dem Druck des österreichischen Heeres unter Matthias und durch Vermittlungen des päpstlichen Nuntius und des spanischen Hofes verzichtete schließlich Rudolf auf die böhmische Königswürde.

Matthias wurde Ende Mai 1611 im Hradschin zum neuen böhmischen König gekrönt.

Während der Adel in der Burg feierte, flossen diesmal nicht - wie sonst üblich - weißer und roter Wein aus den Brunnen der Unterstadt: die Angst vor unkontrollierten Reaktionen der protestantischen Prager war doch zu groß. So allgemein beliebt war der neue König beim Volk wohl doch nicht...

Die lutherische Partei in Böhmen hatte Matthias zur Krone verholfen und wollte den neuen Herrscher durch Bande der Dankbarkeit an sich binden. Die Böhmen mußten jedoch bald erfahren, daß die katholische Tradition der Habsburger stärker war.

Es dauerte nicht lange, bis auch Matthias zwar nicht gegen den Inhalt, wohl aber gegen den Geist des Majestätsbriefes von 1609 verstieß.

Im Reich begann die politische und militärische Entwicklung aus dem Ruder zu laufen, denn das Macht- und Entscheidungszentrum des Reiches war durch die Amtsführung Rudolfs praktisch lahmgelegt.

Im Jahre 1611 fordern deshalb die Kurfürsten den Kaiser erstmals auf, angesichts seines Alters und seiner Krankheiten einen römischen König noch zu seinen Lebzeiten wählen zu lassen.

Und sie legten sogar kraft der ihnen verliehenen Autorität einen Wahltermin für Anfang Mai 1612 fest.

Rudolf war sich durchaus seiner eigenen Schwäche bewußt; - und er haßte seinen Bruder Matthias für dessen Ehrgeiz und Entschlossenheit.

Aber bevor der Wahltermin aktuell wurde, starb Rudolf am 20. Januar 1612. Damit war Matthias am Ziel seiner machtpolitischen Träume: er wurde im Juni 1612 in Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt.

Allerdings war er kaum Herr im eigenen Lande. Unversöhnlich standen sich die protestantische Union und die katholische Liga gegenüber. Die Liga führte jedoch nicht der Kaiser, sondern Maximilian von Bayern an.

Als auch noch der neue Kaiser seine Residenz von Prag nach Wien verlegen ließ, fühlte sich der böhmische Adel, der Matthias zum König von Böhmen und damit zum ersten Anwärter auf den Kaiserthron gemacht hatte, verraten.

Man befürchtete (wie die Geschichte zeigte nicht zu Unrecht), daß Böhmen zu einer bloßen Provinz Österreichs degradiert wird.

Die erneute Absetzung des Kaisers als böhmischer König scheiterte jedoch an den widerstrebenden Interessen und Bestrebungen der sich bekämpfenden nationalen Parteien.

Zur Erlangung der nationalen Unabhängigkeit waren natürlich die Absetzung der Habsburger Dynastie, aber ebenso ein Gleichgewicht der politischen Kräfte notwendig. Und eben das war unter den gegebenen Umständen nicht möglich; zumal die Angst vor dem Verlust des materiell Erreichten das letzte Wagnis ausschloß.

Die Sorge der politisch einflußreichen Kreise um die Bewahrung der Privilegien sicherte dem Kaiser auch weiterhin die Macht.

Als Antwort auf die Verlegung der Residenz von Prag nach Wien erließ der Landtag in Prag Gesetze, die jedermann, der nicht Tschechisch sprach, den Wohnsitz im Lande und den Erwerb der böhmischen Staatsbürgerschaft verwehrte.

Das grundsätzliche Problem der Habsburger, die Regelung der Thronfolge, war immer noch nicht gelöst: Matthias blieb kinderlos.

Soviel war klar: die Wahl eines Nachfolgers war aufgrund der vielen angestauten und ungelösten Probleme im Reich nicht mehr nur eine Frage der Stimmabgabe protestantischer und katholischer Kurfürsten; - es war zu einem Problem von europäischer Bedeutung geworden.

Denn im Laufe ihrer Entwicklung hatten die Habsburger eine so gewaltige Macht angehäuft, daß nicht nur der Neid der übrigen europäischen Mächte provoziert wurde, sondern auch durch die territoriale Endwicklung das aufstrebende Frankreich an allen Landesgrenzen bedroht war.

Der alte Kaiser Matthias war nun bemüht, die sich im Reich abzeichnende Krise solange hinauszuschieben, bis er im Grab in Sicherheit war.

Das ging soweit, daß Matthias seine Gattin veranlaßte, eine Schwangerschaft vorzutäuschen, um durch diese Ausrede die Frage der Nachfolge offenzuhalten.

Zwar bot sich nun für die Protestanten und den Feinden der Habsburger die einmalige Gelegenheit, durch einen Gegenkandidaten die Thronfolge der Habsburger zu beenden. Doch es fehlte der geeignete Kandidat!

Im Jahre 1617 wurde im Hause Habsburg Übereinstimmung über die Nachfolge des kinderlosen Kaisers Matthias erzielt. Die Wahl fiel auf den unbeugsamen Verfechter der Gegenreformation, Erzherzog Ferdinand von Steiermark, den späteren Kaiser Ferdinand II.

Kaiser Matthias sicherte gegen den Widerstand der protestantischen Stände die Nachfolge Ferdinands in Böhmen, Ungarn und dem Reich. Noch zu Lebzeiten des Kaisers wird Ferdinand von den böhmischen Ständen gegen Zusicherung ihrer errungenen Freiheiten zum König gewählt und vom ungarischen Reichstag als König anerkannt.

So konnte die dynastische Krise des Hauses Habsburg scheinbar überwunden werden.

In den letzten Lebensjahren Matthias spitzten sich die konfessionellen Gegensätze ständig zu.

Die Ursachen für die geradezu militante Entwicklung liegen zum einen in den scheinbar unüberbrückbar gewordenen religiösen Gegensätzen nach der Glaubensspaltung und zum anderen in den ungelösten Problemen der Reichsverfassung.

Formal wurden die Auseinandersetzungen geprägt vom Ringen um die wahre Glaubenslehre; tatsächlich waren sie getragen vom Streben der Stände, ihre Macht und Souveränität im Reich zu vergrößern.

Demgegenüber bestand das Ziel der habsburgischen Kaiser darin, das Reich als religiöse und politische Einheit zu erhalten.

In einer für das damalige Rechtsverständnis schwierigen Frage, ob Protestanten auf Kirchengrund Gotteshäuser bauen dürften, nahmen die protestantischen böhmischen Stände aufgrund der ihnen im Majestätsbrief verbrieften Zusagen das Recht zum Bau der Kirchen für sich in Anspruch. Als die katholische Geistlichkeit den Kirchenbau verhindern will, klagen die Protestanten. Ihre Klage wird von Matthias abgewiesen; die Protestanten wählen daraufhin den Weg der Gewalt. Ihre Abgeordneten stürzen am 23. Mai 1618 die vom Kaiser eingesetzten katholischen Räte aus dem Fenster der Prager Burg, setzen eine ständische Regierung ein, erklären Ferdinand als böhmischen König für abgesetzt und sammeln zur Verteidigung ihrer Rechte ein Heer.

Bei der europäischen Bedeutung des Hauses Habsburg wird der sich abzeichnende Kampf um die Herrschaftsrechte der Stände und Fürsten ein Kampf um Gültigkeit der Grundsätze der Macht des deutschen Kaisers.

Als Erzherzog Ferdinand im Jahre 1619 nach dem Tode Matthias als Kaiser Ferdinand II. den Thron bestieg, waren inzwischen alle politischen, religiösen, rechtlichen und ökonomischen Widersprüche dieser geschichtlichen Epoche unlösbar miteinander verflochten. Diese Widersprüche zu entwirren bedurfte es entweder eines großen Kaisers oder eines großen Krieges.

Das deutsche Drama des 30jährigen Krieges begann damit, daß in dieser kritischen Zeit kein großer Kaiser zur Wahl stand...



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