HENDERSON, John

John Henderson war der Prototyp eines Berufsoffiziers des 30jährigen Krieges. Der Umstand, daß er öfters die Fronten gewechselt hat , war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches oder gar Ehrenrühriges. In diesem Krieg waren auf jeder Seite alle Völker beider Konfessionen vertreten.

Die Heere und deren Offiziere waren weder vom Nationalismus geprägt noch von Vaterlandsliebe durchdrungen. Das einzige Band das ein Heer zusammenhielt, war die Aussicht auf Beute.
Wenn außerdem Sold und Verpflegung nicht ausreichten, konnte weder militärische Treue verlangt noch vaterländische Pflicht erwartet werden; - man wechselte dann einfach die Fahnen.

Und im übrigen hatte Henderson für sein Verhalten genügend berühmte Vorbilder: Feldmarschall Arnim diente nacheinander dem König von Schweden, dem König von Polen, dem Grafen Mansfeld, wieder dem König von Schweden, dem Kaiser, mit anderen Worten Wallenstein, dem Kurfürsten von Sachsen und wieder dem Kaiser. Unter allen Fahnen hatte er hohe militärische Posten inne.

Der bayerische Reiterführer und Befehlshaber des kroatischen Kontingents, Werth, erbot sich aus freien Stücken, von den Bayern zu den Franzosen zu wechseln; Kratz tauschte seinen verantwortungsvollen Posten unter Wallenstein mit einem höherwertigen bei den Schweden ein; der bayerische General Götz begann seine militärische Laufbahn unter Mansfeld und endete unter Maximilian von Bayern; Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg kämpfte für die Kaiserlichen, dann für die Schweden und zuletzt wieder für die Kaiserlichen.

So gab es unter der Elite der Offiziere des 30jährigen Krieges wechselnde Standpunkte und Ehrbegriffe, die geprägt waren von den Veränderungen der politischen Machtverhältisse und diktiert wurden von der Gier nach Beute und gesellschaftlicher Anerkennung.

Damit wurde jedoch jedes Söldnerheer stets auch zu einem bedrohlichen politischen Problem: es wurde zunehmend für die Machtzentren in seiner Wirkung und Zielrichtung unberechenbar.

John Henderson stellte in dieser Hinsicht kein Problem dar; er war berechenbar. Anfänglich diente er im schwedischen Heer. Erwähnt wird er erstmals 1632 als Kommandeur eines Regiments aus Schotten und 300 angeworbenen Bauern, das er unter dem Kommando Wilhelms von Sachsen-Weimar als Verstärkung nach Nürnberg führte, wo sich Gustav Adolf und Wallenstein gegenüberstanden.

Im Juni 1632 hatten sich die Heere Wallensteins und Maximilians vor Nürnberg getroffen, um gemeinsam den Schwedenkönig auszuhungern.

Zum Erstaunen Maximilians griff Wallenstein die Schweden nicht an, sondern verschanzte sich bei der alten Festung Zörndorf. Er wußte, daß in Nürnberg die Lebensmittel knapp wurden; aber im Gegensatz zu Gustav Adolf konnte er sich den Verlust eines Heeres leisten. Gustav Adolf mußte deshalb aktiv werden; er versuchte vergeblich, das Lager Wallensteins zu stürmen. Schließlich zwang ihn der Hunger, in Richtung Süden abzuziehen. Zum Entsetzen Maximilians hinderte Wallenstein den Schweden nicht daran, sondern zog nach Norden, um die Schweden endgültig von ihren Nachschublinien abzuschneiden und sie somit am Einfall nach Österreich zu hindern.

Diese Strategie Wallensteins zwang den Schwedenkönig, seinen ursprünglichen Plan, nach Österreich vorzustoßen, aufzugeben.

Das schwedische Heer kehrte um und marschierte Wallensteins Truppen hinterher.

Die Entscheidung fiel, als schließlich beide Heere in der Ebene bei Lützen, unweit von Leipzig am 16. November 1632 aufeinander trafen.

In einem Bericht über diese Schlacht an den Wiener Hof hieß es:

"Sind beide Armeen wie zween beißende Hahnen voneinander geschieden, daß man also nicht recht sagen kann, ob einer oder der andere Teil das Feld erhalten (konnte)".

Weder in der Schlacht noch im Ergebnis der Schlacht gab es einen eindeutigen Sieger: Gustav Adolf wurde tödlich verwundet, Wallenstein Monate später ermordet. Generationen von Historikern beschäftigten sich seitdem mit der Frage, wer der eigentliche Sieger der Schlacht war. Jede Seite beanspruchte damals - und in der Literatur auch noch heute - den Sieg für sich.

Nach den damaligen militärischen Regeln hatte die Kriegspartei die Schlacht verloren, die entweder als erste das Schlachtfeld verließ, oder die Kanonen dem Feinde überlassen mußte. Bei Lützen konnten die Kaiserlichen die Kanonen am Abend nach der Schlacht nicht fortschaffen, weil sie keine Packpferde mehr besaßen.

Wahrscheinlich aber ist, daß über den Ausgang und die historische Wertung der Schlacht, wie so oft, der Zufall entschied. Auch die Schweden berieten bereits, ob sie nach Einbruch der Nacht sich nicht doch nach Weißenfels zurückziehen sollten.

Der Obrist John Henderson hatte bereits den Befehl erhalten, die Lafetten der elf eroberten kaiserlichen Geschütze zu zerstören, als sich in der Dunkelheit der Nacht ein Reiter, der den kaiserlichen Obrist Albrecht von Hofkirchen suchte, hinter die schwedischen Linien verirrte. Auf die Frage wer er sei und zu wem er wolle, antwortete er wahrheitsgemäß: zu Hofkirchen´s Regiment". Der Zufall wollte es, daß es auch bei den Schweden ein Regiment Hofkirch gab. Der Reiter übermittelte deshalb den Befehl Wallensteins, daß sich alle Kaiserlichen nach Leipzig zurückzuziehen hätten. Daraufhin wurde der Befehl an Henderson sofort widerrufen; zwei Lafetten waren allerdings bereits zerstört. Den schwedischen Soldaten wurde der glorreiche Sieg verkündet und der Befehl erteilt, auf dem Schlachtfeld zu kampieren.

Für den schwedischen König und auch für seinen militärischen Gegner Wallenstein war es die letzte Schlacht; - Gustav Adolf starb auf den Schlachtfeld, Wallenstein wurde Monate später von seinen eigenen Offizieren ermordet.

Auch für 9.000 Obristen und Soldaten beider Seiten war es die letzte Schlacht...

Warum und unter welchen Umständen Henderson in der Folge die Seiten wechselte, ist unbekannt. Auf jeden Fall gehört er im Jahre 1634 zu den Offizieren, die Wallenstein untertänigst baten, das Kommando nicht niederzulegen. Der konkrete Anlaß dazu ergab sich aus groben Mißverständnissen, die das Verhältnis zwischen Hof und Wallenstein ernstlich getrübt hatten. Deshalb berief Wallenstein am 12. Januar seine Obristen zum Kriegsrat nach Pilsen.

Ohne große Umschweife eröffnete er ihnen, daß er nach Lage der Dinge die Absicht habe, als Oberbefehlshaber der Armee zurückzutreten. Seine entgültige Entscheidung machte er davon abhängig, ob die Generäle in einer offenen Abstimmung mehrheitlich und namentlich für oder gegen seinen Verbleib stimmen werden.
Der Schock hatte Erfolg.
Natürlich wußten die Obristen, daß sie nur mit einem erfolgreichen Oberfehlshaber Karriere und Beute machen konnten und eventuell auch ihren Sold gezahlt bekamen. Seine Offiziere bestürmten ihn deshalb, im Amt zu bleiben, doch Wallenstein akzeptierte nur, wenn alle Anwesenden eine schriftliche Erklärung unterschrieben.

Nach einer turbulenten Nacht unterzeichneten am Morgen des 13. Januar 1634 47 Obristen und Generäle, darunter Henderson, das sogenannte erste Pilsener Revers. Der Herzog erhörte daraufhin "die Bitten und das Flehen" seiner Generäle und willigte ein, noch einige Zeit ihr Oberbefehlshaber zu bleiben.

Angesichts solchen Großmuts unterschrieben die Offiziere, für ihn ihr Leben "... bis zum letzten aufgesparten Blutstropfen aufzusetzen...". Sechs Wochen später ermordeten sie ihn...

Als der Kaiser am 24. Januar 1634 ein geheimes Ächtungsdekret gegen Wallenstein und dessen Gefolgsleute Trczka und Ilow unterzeichnet, distanziert sich auch Henderson von Wallenstein. In diesem Dekret wird Wallensteins Stellvertreter Graf Gallas zum vorläufigen Befehlshaber der Armee ernannt. Die Truppe wird darin angewiesen, nur Gallas Befehlen zu gehorchen. Von diesem geheimen Schreiben erfahren zunächst nur Piccolomini und Aldringer.Als Henderson seinerseits von Wallenstein den Befehl erhält, Tabor militärisch zu sichern, erhält er von Gallas Kenntnis von diesem kaiserlichen Schreiben und respektiert daraufhin nur kaiserliche Befehle. Henderson war klug genug, nach der Ermordung Wallensteins persönlich in Wien vorzusprechen um seine Verdienste anzupreisen und dafür seine Belohnung einzufordern. Offenbar war der Kaiser beeindruckt von den "Leistungen" Hendersons, denn in einem Schreiben an Gallas wird dieser angewiesen, Henderson fünf Regimenter Dragoner zu unterstellen.

Im Juli 1634 gerät Henderson bei einem Versuch, unter dem Kommando Aldringers, das belagerte Landshut zu befreien, in schwedische Gefangenschaft. Man bringt ihn nach Augsburg. Mit dem Versprechen, Geheiminformationen an den schwedischen Kanzler Oxenstierna und den Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar zu übergeben, wird Henderson bereits zwei Monate später aus der Gefangenschaft entlassen.

Auch von kaiserlicher Seite wurde Henderson für geheime Missionen eingesetzt.

In einer, nach der Schlacht bei Nördlingen kritischen Phase für die schwedische Politik, wurde Henderson mit Briefen des Königs von Ungarn und späteren Kaisers Ferdinand III. und mit Schreiben des Nachfolgers Wallensteins, Gallas, nach Mainz, an den Hof des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar geschickt.

Der Zeitpunkt und die Persönlichkeit war von der Wiener Diplomatie klug gewählt.

Henderson war offenbar aus früheren Zeiten mit Bernhard bekannt, und so war es wahrscheinlich, daß unter Freunden ein schriftliches Angebot des Kaisers mit weniger Mißtrauen geprüft wurde.

Nach der Schlacht bei Nördlingen war nun die Zeit des Bernhard von Sachsen-Weimar gekommen. Sowohl Sachsen als auch später der Kaiser, vor allen Dingen aber Frankreich versuchten mit allen Mitteln, sich die Dienste des nun unverzichtbaren Söldnerführers zu sichern. Bernhard nahm das Angebot Richelieus an. Die Klauseln des Vertrages wurden jedoch später sowohl von Bernhard als auch von Richelieu unterschiedlich ausgelegt, was naturgemäß zu persönlichen Spannungen führte. So wurde zum Beispiel Bernhard die Landgrafschaft Elsaß zugesprochen, obwohl es noch zum Reichsgebiet gehörte. Richelieu ging davon aus, daß Frankreich das Elsaß erst dann vergeben könne, wenn Bernhard es für Frankreich erobert hätte und damit unter französischer Oberhoheit gestellt worden wäre.

In diesem Punkt vertrat Bernhard einen abweichenden Standpunkt.

Demgegenüber stand das Angebot Ferdinands, Bernhard das Herzogtum Franken zu übertragen, unter der Bedingung, daß Bernhard die Fronten wechselt und dem Bischof von Bamberg und Würzburg ein Jahresgehalt von 20.000 Talern zahlt. Außerdem sollte er das Kommando über 20 bis 25.000 Mann erhalten. Gallas wäre ihm als General-Leutnant beigeordnet worden. Bernhard solle sich erklären und äußern "...was er nur wünsche...", nichts sollte ihm abgeschlagen werden. Hendersons Mission blieb jedoch erfolglos: Bernhard lehnte die Vorschläge ab und verdoppelte die Bewachung Mainz; - er vermutete eine List des Wiener Hofes.

Nach diesem diplomatischen Mißerfolg nimmt Henderson - soweit bekannt ist - an verschiedenen militärischen Streifzügen und an drei wichtigen Schlachten teil.

Am 6. Mai 1636 überfällt er mit seinen und den Dragonern des Obristen Schönickel die Stadt Rathenow in Brandenburg und vertreibt die schwedische Besatzung. Aber bereits am 9. Mai rückt der schwedische Feldmarschall Baner zum Entsatz an. Henderson versucht sich zwar zu verteidigen, nimmt später jedoch das Angebot Baners zum freien Abzug aus der Stadt"ohne Obergewehr" an. Seine Dragoner sind darüber so empört, daß sie geschlossen zu den Schweden übertreten.

Erst am 21. Februar 1638 taucht der Name Henderson in den Annalen der Schlacht bei Rheinfelden wieder auf. Im Januar 1638 hatte Bernhard von Sachsen-Weimar die Stadt Rheinfelden, wenige Kilometer östlich von Basel, belagert. Zunächst ohne Erfolg, denn die Angriffe der kaiserlichen Generale Werth und Savelli zwangen ihn zum Rückzug.

Drei Tage später gelang es Bernhard allerdings, die beiden Feldherren in einer großen Feldschlacht zu besiegen. Die Hälfte der kaiserlichen Truppen - darunter Henderson - floh, die andere Hälfte ergab sich. Unter den 3.000 Gefangenen, die Bernhard machen konnte, befanden sich auch die Generäle Werth, Savelli, Enkevort und Sperreuter.

In Paris wurde ein Dankesgottesdienst für Werths Gefangennahme abgehalten.

Im Juli 1642 fällt Henderson unter dem Kommando der Generale Lamboy und Beck in Frankreich ein. Die Kaiserlichen setzen über die Maas und können die Franzosen unter Marschall Chatillon bei Marfée schlagen. Auf Seiten der Kaiserlichen kämpft auch ein prominenter Gegenspieler Richelieus, Garf von Soissons, der allerdings nach dieser Schlacht bei der Verfolgung französischer Truppen fällt. Auch Henderson wird verwundet, aber einen Monat später ist er wieder unter dem Kommando Lamboys bei der Belagerung der von den Franzosen eroberten Festung Aire. Als die Franzosen unter Marschall Guébriant in die Gegend um Cleve und Jülich einfallen, versucht Lamboy, die Franzosen abzudrängen.

Dabei wird im Januar 1642 Lamboys Lager überraschend von den Franzosen angegriffen. Die Kaiserlichen werden völlig aufgerieben, die Generale Lamboy, Mercy und unter anderem auch der Obrist Henderson geraten in französische Gefangenschaft.

Letztmalig wird der Name Henderson im Jahre 1645 erwähnt. In diesem Jahr wurde Regensburg befestigt und militärisch verstärkt. Auch 500 Mann aus Hendersons Regiment wurden in die Stadt verlegt.

Wann, wo und unter welchen Umständen John Henderson später gelebt bzw. gestorben ist, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen.



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