Gustav Adolf

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U
1632

"Was haben Eure Majestät in Deutschland zu schaffen?" wurde Gustav Adolf vor der Invasion in Deutschland vom Dänischen König gefragt und bezeichnender Weise antwortete er:

"Ist es nötig, danach zu fragen?".

Als der König von Schweden am 4. Juli 1630 in Usedom landete, stolperte er auf der schmalen Laufplanke, die vom Schiff ans Ufer führte und verletzte sich dabei leicht am Knie. Dieses für jeden anderen Zeitgenossen ungünstige Vorzeichen verkehrten protestantisch gesinnte Historiker in eine beabsichtigte Handlung: ihr protestantischer Held sei, als er Land betrat, auf die Knie gefallen, um Gottes Segen für seine gerechte Sache zu erflehen. Obwohl Gustav Adolf nie an seiner Sendung zweifelte, ist diese Art der Berichterstattung symptomatisch für den Kult, den der Protestantismus bis auf den heutigen Tag mit der Person Gustav Adolfs getrieben hat.

Als Gustav Adolf über die Laufplanke stolperte war er 36 Jahre alt.

"Er war hochgewachsen, doch ließ seine übermäßige Breitschultrigkeit ihn kleiner erscheinen; er hatte männlich schöne Züge, eine frische Gesichtsfarbe, einen rötlichblonden Spitzbart und ebensolche kurzgeschorenen Haare, so daß die italienischen Söldner ihn "il re d´oro" nannten und sein gebräuchlicherer Beiname "der Löwe des Nordens" eine zusätzliche Bedeutung bekam. Er war derb gebaut und verfügte über ungeheure Kraft, bewegte sich langsam und ziemlich ungelenk, konnte es jedoch im Gebrauch des Spatens und der Spitzhacke mit jedem Sappeur seines Heeres aufnehmen. Hingegen war seine Haut, soweit nicht vom Wetter gebräunt, weiß wie die eines Mädchens. ...

Mit den Jahren bekam sein Kopf eine nach vorn geneigte Haltung, und seine kurzsichtigen hellblauen Augen verkniffen sich. Er aß herzhaft und kleidete sich einfach, trug mit Vorliebe das sämischfarbene Lederkoller und den Biberhut des Soldaten und belebte sein Kostüm nur durch eine scharlachrote Schärpe oder einen Mantel von gleicher Farbe. ...

Er schwitzte, hungerte, fror und dürstete mit seine Soldaten und saß bisweilen fünfzehn Stunden ohne Unterbrechung im Sattel. Blut und Schmutz kümmerten ihn nicht - die königlichen Stiefel hatten bis über die Knöchel in beiden gewatet."
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Die Gustav Adolf angedichtete Rolle als Retter des deutschen Protestantismus war im Grunde nur die Fortsetzung der schon von seinen Vorgängern begonnenen Eroberungs- und Raubpolitik. Das ganze schwedische Staatswesen war auf eine solche Eroberungspolitik zugeschnitten. Von Haus aus war Schweden ein armes Land mit wenigen kleinen Städten und sehr dürftigem Handel. Anfang des 16. Jahrhunderts gelang es Gustav Wasa die namentlich von der katholischen Geistlichkeit gestützte dänische Dynastie zu stürzen und sich selbst die Krone aufzusetzen. Wollte Gustav Wasa seinen Thron sichern, mußte er vor allen Dingen die anmaßende und mit Dänemark paktierende katholische Hierarchie vernichten. Das geschah unter Hinzuziehung der Bürger, Bauern und Bergleute auf dem Reichstag zu Westeros.

Auf diesem Reichstag wurde der Protestantismus als staatstragende Religion etabliert.

Die Einführung der Reformation in Schweden war also nicht in erster Linie eine Glaubensfrage als vielmehr eine ökonomische und politische Notwendigkeit zur Sicherung der Wasa-Dynastie gewesen. Das zeigte sich, als ein Nachfolger Gustav Wasas den vergeblichen Versuch unternahm, den Katholizismus im Lande wieder einzuführen.

Gustav Adolf gelangte 1611, nach dem Tode seines Vaters, an die Regierung. Das Land war durch drei Kriege erschöpft und durch innere Unruhen zerrissen. Ihm fiel die Aufgabe zu, den revoltierenden Adel zur Ruhe zu bringen und gleichzeitig die Interessen der übrigen Bevölkerungsschichten zu befriedigen. Die Versöhnung mit dem Adel erreichte er durch die sogenannte "Ritterhausordnung" von 1626, die dem Adel eine privilegierte Stellung in der Reichsverwaltung einräumte bzw. bestätigte, denn in Wirklichkeit hatte sich der Adel diese Privilegien bereits angemaßt. Um die nichtprivilegierten Bevölkerungsschichten zu befriedigen, brauchte Gustav Adolf nur die Tradition seines Vorgängers zu wahren, nämlich die Eroberungskriege fortzusetzen. Da auch und besonders die Städte ein lebhaftes Interesse an der schwedischen Vorherrschaft auf und an der Ostsee hatten, war auch die städtische Bevölkerung, die durch ein ausgeklügeltes Konskriptionssystem stark belastet war, von der Aussicht auf Beute zu begeistern, denn siegreiche Feldzüge brachten große Beute ins Land.

Die damaligen Kriege waren systematische Plünderungs- und Raubzüge und keineswegs nationale Kriege. Ähnlich wie Elisabeth von England betrieb Gustav Adolf die Seeräuberei in großem Stil; - mit einer Besonderheit: er hatte es sich zur Methode gemacht, verkehrsreiche Häfen zu erobern, sie stark zu befestigen, um dann von dort aus ein- und ausfahrende Schiffe mit Zöllen zu belegen, die in ihrer Höhe nur durch das schwedische Monopol in der Ostsee zu rechtfertigen waren. Mit dieser Politik gelang es Schweden zur politischen Macht in Europa aufzusteigen und brachte namentlich dem schwedischen Adel ungeheuren Reichtum.

Allerdings dauerte die schwedische Machtposition kaum ein paar Generationen, um dann kläglich in sich zusammenzubrechen.

Bevor Gustav Adolf antrat, in Deutschland die ihm angedichtet Rolle des Glaubensretters zu spielen, hatte er im Laufe der ersten zwei Jahrzehnte seiner Regierung bereits eine ganze Reihe von Eroberungskriegen geführt.

Im Kampf mit Polen und Rußland war es ihm gelungen, im Stil alter nordischer Seeräuber Karelien, Livland und namentlich die wichtigen preußischen Seeplätze Memel, Pillau und Elbing der schwedischen Krone anzuschließen.

Solange allerdings Wallenstein militärisch und diplomatisch aktiv war, konnte Gustav Adolf seine imperialen Pläne einer Annektion weiterer Ostseeanrainerstaaten nicht verwirklichen.

Nachdem Wallenstein 1630 auf Drängen der deutschen Fürsten seinen Oberbefehl niederlegen mußte, sah Gustav Adolf seine Stunde gekommen. Mit der Besetzung Pommerns und Mecklenburgs sollte der Schlußstein eines schwedischen Reiches gesetzt werden, daß die gesamte Ostsee als Binnenmeer unter ausschließlich schwedischer Oberhoheit vorsah.

Sein Ziel war zunächst ein schwedisches Ostseereich mit der sich daraus ableitenden wirtschaftlichen Überlegenheit durch die Beherrschung der Flußmündungen der Düna, Memel und Oder.

Gustav Adolf war zu dieser Zeit im Bündnis mit Frankreich, das die zunehmende kaiserliche Macht mit äußerstem Mißtrauen beobachtete. Schon 1624 hatte sich Gustav Adolf Holland und England im Kampf gegen die Habsburger angeboten. Allerdings waren damals seine Forderungen zu hoch, und man zog den sich gleichzeitig anbietenden und offenbar genügsameren Dänenkönig vor. Nachdem aber der Dänenkönig von Wallenstein und Tilly vernichtend geschlagen wurde und die Habsburger stark wie selten zuvor regierten, waren neue Koalitionen gefragt. Diese neuen Koalitionen wurden am 23. Januar 1631 in Bärwalde von Abgesandten Richelieus und Gustav Adolf durch einen seit langem geplanten Bündnisvertrag besiegelt. Der Vertrag von Bärwalde hatte neben unbedeutenden Floskeln der freien Handelstätigkeit und des gegenseitigen Schutzes handfeste finanzielle Verpflichtungen Frankreichs zum Gegenstand. Gustav Adolf sollte auf Kosten Frankreichs ein ständiges Heer von 30.000 Fußsoldaten und 6.000 Reitern halten. Frankreich verpflichtete sich außerdem, jährlich den Gegenwert von 40.000 Reichstaler an das schwedische Schatzamt zu zahlen.

Für das bereits abgelaufene Jahr erhielt Gustav Adolf 12.000 Reichstaler. Dafür sollte Gustav Adolf den Katholiken Deutschlands Glaubensfreiheit garantieren und die Länder Maximilians von Bayern, den damaligen Verbündeten Frankreichs, unbehelligt lassen.

Gustav Adolf erwies sich bei den Verhandlungen als erfolgreicher Diplomat und brachte Richelieu dahin, sein Angebot von ursprünglich 15.000 Thalern auf 20.000 zu erhöhen.

Durch absichtliche Indiskretion wurde der Geheimvertrag öffentlich und Gustav Adolf mutierte dadurch von einer gekauften Marionette zu einem gleichwertigen Bundesgenossen Frankreichs.

Jedem deutschen Fürsten stand es frei, dem Vertrag von Bärwalde beizutrete, um mitzuhelfen, das kaiserliche Joch abzuschütteln. Diese Option war eine unverblümte Aufforderung an die Protestanten, sich mit Waffengewalt gegen Ferdinand zu erheben.

Während sich die protestantischen Fürsten in den Jahren nach 1619 noch für die Verfassung und die Erhaltung des Glaubens hätten zusammenschließen können, ging es jetzt weder um das eine noch das andere: es ging schlicht und einfach um die Vorherrschaft in Europa.

Zwischen den Fronten der konkurrierenden machtpolitischen Interessen und Egoismen der Fürsten und dem scheinbaren Kampf zwischen Katholiken und Protestanten stand wehrlos das drangsalierte und ausgeplünderte Volk. Protestantisch geprägte Geschichtsfälscher wurden nicht müde, in diesem Zusammenhang die musterhafte Disziplin und "Manneszucht" der Truppen des frommen Schwedenkönigs zu preisen. In Wirklichkeit wurden die eroberten Städte und Länder mit der selben Brutalität und Beutegier heimgesucht wie durch die übrigen Truppen.

Nur weil die Kriege, die Gustav Adolf führte, Raubzüge waren und ihre Lasten der Kriege von der bekriegten Bevölkerung getragen wurde, gab auch im Jahre 1630 der schwedische Reichstag die Zustimmung zu dem neuen äußerst gewagten Kriegsabenteuer; - allerdings nur auf drei Jahre.

Somit belastete der Krieg die schwedische Staatskasse relativ gering; aber er brachte Schweden beziehungsweise der schwedischen Machtelite noch ungeheuren Gewinn. Je stärker das schwedische Heer in Deutschland anschwoll, um so kleiner wurde das schwedische Militärbudget. Betrug es 1630 bei einer Mannschaftstärke noch 40.000 Mann noch 9,5 Millionen Taler, so war es 1631 bei 79.700 Mann auf 5,25 Millionen Taler gesunken, um sich 1632 bei der enormen Größe von 198.500 Mann auf 2,22 Millionen Taler zu reduzieren.

Münzbildnis Gustav Adolfs. ...ein Klick vergrößert das Bild. Schon vor seinem "Kniefall" bei der Landung auf Usedom hatte Gustav Adolf großen Wert auf die öffentliche Meinung gelegt. Sein Agent Salvius hatte, bevor der König den Feldzug begann, mehr als einen Monat lang Norddeutschland bereist und durch Reden über die "deutsche Libertät" und Verunglimpfung der kaiserlichen Regierung Stimmung für Gustav Adolf, den Retter des deutschen Protestantismus gemacht. Trotzdem mangelte es dem Schwedenkönig bei seiner Landung an potenten Verbündeten.

Als Gustav Adolf auf Usedom an Land ging, ankerten vor der Küste 28 Kriegsschiffe und die gleiche Anzahl Transportschiffe. Die insgesamt 13.000 Mann gliederten sich in 16 Schwadronen Reiterei und 20 Kompanien Infanterie mitsamt einer starken Artillerieabteilung.

Das Heer war nach den Maßstäben der Heere Wallensteins klein. Der König wiederum hatte mit einem so großen Heer keinerlei Erfahrungen. Kein Wunder also, daß der Kaiser bei der Nachricht von der Landung Gustav Adolfs geringschätzig äußerte: "Ein Feinderl mehr!"

Die verbannten Herzöge von Mecklenburg und der geächtete Friedrich von der Pfalz waren naturgemäß auf der Seite des Schweden; - aber allesamt Fürsten ohne Land und Heer.

Lediglich der Landgraf von Hessen-Kassel und der Herzog von Sachsen-Weimar waren als Verbündete brauchbar. Der wichtigste seiner Bündnispartner war zu dieser Zeit Christian Wilhelm, der abgesetzte Administrator von Magdeburg. Magdeburg war eine der reichsten Städte Deutschlands und eine Schlüsselfestung an der Elbe. Die Stadt hatte sich außerdem dem Kreuzzugseifer Ferdinands widersetzt und war dadurch zum Vorposten des Protestantismus geworden. Mit Hilfe schwedischer Truppen zog Christian Wilhelm am 6. August 1630 wieder in die Stadt ein und erklärte, daß er das Bistum mit Gottes und des Königs Hilfe gegen alle Eindringlinge verteidigen werde. Die protestantischen Flugblätter verbreiteten diese Erklärung in jubelnden Versen, während in der Bevölkerung Unruhe und Angst umgingen. Die Furcht wurde genährt durch böse Vorzeichen: während der Wiedereinsetzung Christians als Bischof von Magdeburg umkreisten Raben krächzend die Stadt und die Sonnenuntergänge versprachen auch nichts Gutes. Immerhin gelobte Gustav Adolf noch am 3. Mai, als schon die kaiserlichen Truppen auf Magdeburg im Anmarsch waren, daß er die Stadt nicht im Stich lassen werde "solange er ein König in Ehren sei."

Der König in Ehren war ein halbes Jahr vorher, am 20. Juli 1630, in Stettin, der Hauptstadt Pommerns, eingezogen. Dort hatte er wenig ehrenhaft den alten, leicht schwachsinnigen Herzog von Pommern schon am ersten Tage gezwungen, mit ihm einen Vertrag abzuschließen und Geld bereitzustellen. Der unglückliche alte Herzog willigte schließlich ein, schrieb aber sofort einen Brief an den Kaiser, in dem er sich entschuldigte und sein Verhalten mit "höherer Gewalt" begründete.

Der Vertrag war nicht nur ein Diktat, er kam einer Annektion Pommerns gleich. In einem Punkt des Vertrages wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß "Wenn bei dem Tode des Herzogs Streitigkeiten entstehen,...so soll der König von Schweden vorerst das Land behalten, bis die Frage der Erbfolge vollständig erledigt ist und der Erbfolger die Kriegskosten an die Krone Schwedens zurückerstattet hat." Die Bitte des Herzogs, neutral bleiben zu dürfen, respektierte Gustav Adolf nicht im Geringsten. Für ihn war der Herzog nur ein alter Mann, der, wie Gustav Adolf spöttisch bemerkte, "sein Bierchen in Ruhe trinken wolle".

Das rücksichtslose Verhalten in Pommern und die Besetzung eines Teiles Brandenburgs distanzierte die übrigen protestantischen Fürsten von Gustav Adolf. Insbesondere die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg verweigerten sich einem Bündnis mit Schweden.

In dieser Zeit unklarer Allianzen marschierte zunächst der kaiserliche Obrist Pappenheim mit einigen tausend Mann gegen Magdeburg. Ihm folgte Tilly mit dem Rest des Heeres.

Zur Organisation der Verteidigung Magdeburgs wurde von Gustav Adolf der Hesse Dietrich von Falkenberg beauftragt. Die Bevölkerung Magdeburgs wollte nicht als Märtyrter sterben und die Bürgerschaft stritt sich in Fraktionen über ihre Ziele. Im Ergebnis dessen hatte Falkenberg ständig Schwierigkeiten, die notwendigen Vorräte von der Bevölkerung zu bekommen. Die hungrige Reiterei meuterte, und er schrieb an den König: "Hier geht es sinnlos zu. Wir leben von einem Tag auf den anderen." Vor den Stadtmauern stand ein erschöpftes katholisches Heer, das verzweifelt versuchte, Magdeburg zu erstürmen.Tilly und Pappenheim waren sich darüber im klaren: falls Magdeburg nicht erobert wird, wird das eigene Heer durch die Schweden vernichtet. Statt sich nun aber als Verteidiger des Protestantismus und des gegenüber Magdeburg gegebenen Versprechens Tilly entgegegnzustellen, griff Gustav Adolf Frankfurt an der Oder an. Frankfurt wurde am 13. Oktober eingenommen; Tilly kam mit seinen Truppen zu spät zu Hilfe und zog sich nach dem Fall der Stadt wieder in Richtung Magdeburg zurück.

Obwohl die eingeschlossenen kaiserlichen Truppen die Stadt Frankfurt übergeben wollten und um Pardon gebeten hatten, wurden Tausende von ihnen unbarmherzig niedergemetzelt.

Das eigentliche Bollwerk des Protestantismus, die Stadt Magdeburg wurde fünf Wochen später, am 20. Mai von den Kaiserlichen gestürmt und versank in Schutt und Asche. Von der ganzen Stadt blieben außer dem Dom und der Liebfrauenkirche nur einige elende Fischerhütten übrig.

Fast die gesamte Einwohnerschaft büßte bei der Katastrophe ihr Leben ein.

Wie entsetzlich die mordgierige Soldateska in Magdeburg gehaust hatte, beweist der Umstand, daß Tilly noch am Tage nach der entsetzlichen Katastrophe, die Flüchtlinge, die sich in die vom Feuer verschonte Domkirche gerettet hatten, aus Furcht vor neuen Greueln aus ihrem Asyl nicht hinauslassen wollte. Die Geschichtsschreibung ist sich soweit einig, daß Tilly nicht den Befehl zur Zerstörung der Stadt gegeben hatte, da diese Festung in ihrer Lage und mit ihren Vorräten zu wichtig für seine Truppen war.

Interessant sind jedoch Interpretationen, die wahrscheinlich niemals bewiesen werden können, aber von ihrem Ansatz der Logik des Fanatismus folgen: es ist durchaus möglich, daß die radikal-protestantische Patei der Stadt selbst den Befehl gegeben hat, im Falle eines Sieges des Feindes die Stadt lieber in Brand zu stecken, als sie unversehrt den Kaiserlichen zu überlassen.

Solche Logik ist unmenschlich, sie wird aber in der Geschichtsschreibung der späteren Jahrhunderte mit dem Moralbegiff patriotisch belegt und entartet im konkreten Fall deshalb zur Perversion, weil Gustav Adolf in Saarmund, keine zwei Tagesmärsche von Magdeburg entfernt, untätig abwartete. Er konnte den Donner der Belagerungsgeschütze hören...

"Magdeburg ist gefallen für das Evangelium", das waren fortan seine einleitenden Worte bei Ansprachen und Proklamationen. Obwohl die Wortwahl zynisch genug war, kann Gustav Adolf nicht vom Vorwurf ernstzunehmender Historiker freigesprochen werden, diese Phrase unverschämter Heuchelei nur deshalb benutzt zu haben, um das Entsetzen der protestantischen Welt über die Magdeburger Katastrophe propagandistisch für seine Ziele auszunutzen. Wohl oder übel gaben nun die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg ihre "Neutralität" schrittweise auf.

Den Anfang machte der Brandenburger Kurfürst. Ihm gegenüber führte Gustav Adolf weitere überzeugende Argumente an: er marschierte mit seinem Heer vor die Hauptstadt und ließ die Kanonen auf das Schloß richten. Unmittelbarer Anlaß war ein Mitte Juni getroffenes Übereinkommen zwischen Georg Wilhelm von Brandenburg und Gustav Adolf, wonach sich der Kurfürst von Brandenburg, der Schwager Gustav Adolfs, bereiterklärt hatte, den Schweden die Festung Spandau zu überlassen. Dann plagte Georg Wilhelm die fürstliche Tugend der Kaisertreue, und er versuchte sich der Verpflichtung zu entziehen. Aber Gustav Adolf handelte schnell und konsequent. Georg Wilhelm brach angesichts der Kanonen völlig zusammen.

Zunächst schickte er seine Schwiegermutter und seine Gemahlin zu Gustav Adolf, um ihn zu besänftigen. Gustav Adolf war jedoch Herr der Lage und sah keinen Grund, seine Ziele den Tränen fremder Schwiegermütter zu opfern. Einige Stunden später erschien Georg Wilhelm persönlich und biederte sich mit dem Vorschlag an, das kleine Mißverständnis mit einem guten Tropfen aus der Welt zu schaffen. Gut gelaut nahm der Schwedenkönig den Vorschlag auf und trank, den historischen Quellen zufolge, vier Humpen guten Weins.

Einen Tag später, am 22. Juni 1631 unterzeichneten beide einen Vertrag, demzufolge Brandenburg den schwedischen Truppen alle Hilfsquellen und die Festungen Spandau und Küstrin auf Kriegsdauer zur Verfügung stellt. "Alle Hilfsquellen" bedeutete u.a., daß eine monatliche Kriegssteuer von 30.000 Talern (zusätzlich zu den Quartier- und Verpflegungskosten) von der Bevölkerung aufgebracht werden mußte.

Diese brutale Erpressung traf einen Kurfürsten, der dem Betrachter noch nach 350 Jahren Mitleid abverlangt. Georg Wilhelm, der Kurfürst von Brandenburg befand sich politisch und persönlich in einer verfahrenen Situation: er war als Calvinist Fürst eines lutherischen Staates; sein erster Minister war Katholik und er selbst hatte eine Schwester Friedrichs von der Pfalz, des geächteten Königs von Böhmen geheiratet. In Berlin beherbergte er seine Schwiegermutter, die ihm ständig zusetzte, für ihren entthronten Sohn entwas Entscheidendes zu unternehmen. Obwohl Gustav Adolf war sein Schwager war, hatte er ihn nun mit Kanonen in ein agressives protestantisches Bündnis gezwungen. Politisch einfältig, war er sogar kaisertreu, obwohl der Kaiser und auch Wallenstein ihn ständig provozierten, um ihm den Krieg zu erklären und einen Grund zu finden, ihm seine Kurwürde abzuerkennen. Und eigentlich wollte Georg Wilhelm neutral bleiben...

Anders lagen die Dinge in Sachsen. Johann Georg , der Kurfürst von Sachsen hatte ein protestantisches Konvent nach Leipzig einberufen. An diesem Konvent nahmen alle protestantischen und die meisten calvinistischen Fürsten teil und unterzeichneten eine Erklärung, die als Ursache allen Übels auf das Restitutionsedikt verwiesen und den Verfall fürstlicher Rechte und die Mißachtung der Verfassung beklagten. In dieser Erklärung schrieb Johann Georg auch fest, daß er für die Verteidigung seines Landes und die Rechte der deutschen Protestanten aufrüsten werde und ernannte als Führer seines Heeres Wallensteins besten Feldherrn, Hans Georg von Arnim. Das sächsische Heer war nicht groß genug und auch nicht ausreichend ausgebildet, aber kein erfahrener Feldherr, auch nicht Gustav Adolf, würde den Fehler begangen haben, ein von Arnim befehligtes Heer zu unterschätzen.

Endlich hatten die deutschen Protestanten einen Führer, ein Programm, eine Erklärung an den Kaiser und einen Feldherrn, der in der Lage war, eine Drohung auch wahr zu machen.

Allen protestantischen Fürsten war klar, daß durch das Eingreifen und den Vormarsch Gustav Adolfs eine weitere Neutralitätspolitik unmöglich war.

Allen war es klar, - nur dem Kaiser nicht. Ferdinand war kein politischer Stratege, sondern fühlte sich als der Anführer eines Kreuzzuges. Wahrscheinlich ist auch, daß er in seiner politischen Beschränktheit die Macht Gustav Adolfs und die Gefahr, die von ihm ausging, nicht richtig erkannte. Ferdinand nahm das Restitutionsedikt nicht zurück!

So erschien es den deutschen Fürsten - bis auf eine Ausnahme-denn doch besser, mit den in ihre Länder eingedrungenen oder an ihren Landesgrenzen stehenden Schweden zu kämpfen, als ohne ausreichende kaiserliche Unterstützung gegen sie. Außerdem war der Fall Magdeburgs für alle Protestanten eine Warnung. Lediglich der Kurfürst von Sachsen taktierte weiter.

Natürlich stand auch er zwischen zwei Feuern: auf der einen Seite stand Gustav Adolf, der jedoch nach der Zerstörung Magdeburgs um den wichtigen Stützpunkt an der Elbe gebracht und somit auf die Unterstützung Johann Georgs angewiesen war; auf der anderen Seite fiel das ausgehungerte kaiserliche Heer unter Tilly in Sachsen ein.

Die Friedenspolitik des sächsischen Kurfürsten war nach Lage der Dinge so oder so zum Untergang verurteilt, aber er konnte bei Verhandlungen mit Gustav Adolf bessere Konditionen herausschlagen als sein Brandenburger Kollege. Johann Georg ließ den Schwedenkönig bis zur letzten Minute in dem Glauben, daß er sich auf die kaiserliche Seite schlagen könnte. Schließlich unterzeichnete man am 11. September 1631 einen Bündnisvertrag. Der Kurfürst versprach darin, sich mit all seinen Truppen Gustav Adolf anzuschließen, sobald dieser die Elbe überschritten hatte. Den schwedischen Truppen wurden Unterkunft und Verpflegeung garantiert, und alle militärische Maßnahmen sollten eingeleitet werden, um die Elbübergänge zu sichern. Johann Georg verpflichtete sich weiterhin, dem schwedischen König den (nicht unbeschränkten) Oberbefehl über die beiden Heere zu überlassen, solange die Notlage dauert. Das war die Lücke im Vertrag, durch die sich der sächsische Kurfürst von den vertraglichen Verpflichtungen lösen konnte, denn es war kein Merkmal definiert, das das Vorhandensein oder das Ende einer Notlage auswies. Vom Augenblick der Unterzeichnung des Vertrages bis zu seinem Tod war Gustav Adolf niemals sicher, daß Johann Georg die Notlage nicht für beendet ansah. Als Gegenleistung verpflichtete sich Gustav Adolf, die Kriegshandlungen in Sachsen so weit wie möglich einzuschränken und in seinem Heere Zucht und Ordnung zu halten.

Die in der Literatur gepflegte Legende von dem braven, gottesfürchtigen Heer von Glaubensstreitern stützt sich lediglich auf das Verhalten der Schweden in der ersten Zeit nach ihrer Landung. Aber die anfängliche Zurückhaltung der Schweden rechtfertigt die Legende nicht und wurde in den Folgejahren ad absurdum geführt. Zu Beginn der Okkupation in Deutschland mußte Gustav Adolf einfach alle Exzesse seiner Soldateska unterdrücken, wenn seine Propaganda, als Befreier der Protestanten angetreten zu sein, glaubwürdig bleiben sollte.

Außerdem wollte er ja Pommern und Mecklenburg dem schwedischen Reich einverleiben, so daß er, hätte er Plünderungen erlaubt, seinen eigenen Besitz ruiniert hätte. Sobald aber Gustav Adolf Fuß gefaßt hatte und ihm das Bündnis mit den protestantischen Fürsten sicher war, ließ er seine Truppen plündern und rauben; - auch in den Ländern der Verbündeten.

Was die schwedischen Truppen tatsächlich für den Kampf begeisterte, war nicht ihr protestantisches Sendungsbewußtsein, sondern wird durch die Worte deutlich, mit denen Gustav Adolf vor der Schlacht von Breitenfeld zu seinen Offizieren sprach:

"Ihr habt gesagt, selig würdet ihr bei mir wohl, aber nicht reich. Bisher war dazu keine Gelegenheit: wenn ihr euch aber diesmal ritterlich haltet, so habt ihr mit den ewigen auch zeitliche Güter zu erwarten. Nicht nur ist das feindliche Lager eure Beute, sondern auch die Pfaffengasse wird euch mit einem einzigen Streiche eröffnet."

Nach der Unterzeichnung des Bündnisvertrages rückte Gustav Adolf in Sachsen ein. Die vereinten schwedischen und sächsischen Heere marschierten gemeinsam auf Leipzig, das am 14. September 1631 von Tilly erobert worden war. Ein Rückzug kam für Tilly aufgrund des katastrophalen Zustandes des kaiserlichen Heeres nicht in Frage. Seine einzige Hoffnung bestand darin, sich vor dem heranrückenden feindlichen Heer in Leipzig zu verschanzen und Zeit zu gewinnen, bis der kaiserliche General Aldringer mit Verstärkung eintraf. Gustav Adolf hingegen hatte ein Heer, das den Kaiserlichen um 10.000 Mann überlegen war und er mußte, um sein Ansehen zu stärken, endlich auch einen militärischen Erfolg vorweisen.

Tilly, darin sind sich die Militärhistoriker einig, war ein gewissenhafter, aber selten hervorragender Soldat, und seine angeborene Behutsamkeit hatte mit fortschreitendem Alter zugenommen. Zu seinem Unglück hatte er Pappenheim als Stellvertreter. Diesem tüchtigen Reiterführer mangelte es nicht nur an der für den Oberbefehl nötigen Geduld und an der Gabe, Einzelheiten zu erfassen, sondern er hatte auch nicht das Zeug zu einer untergeordneten Stellung. Er hielt Tilly für unfähig, zögerlich und oft sogar für senil. Bei Magdeburg hatte er am 20.5.1631 den Befehl zum Angriff ohne die Zustimmung seines Vorgesetzten gegeben und die Stadt genommen; wahrscheinlich durch die Erinnerung an vergangene Heldentaten ermutigt, versuchte er den Lauf der Geschichte erneut zu korrigieren.

Abbildung der Pistole Gustav Adolfs. ...ein Klick vergrößert und erläutert das Bild Am 16. September verließ er das Lager bei Leipzig mit einem Kundschaftertrupp und sandte spät in der Nacht einen Kurier zu Tilly mit der Nachricht, daß er den Feind bei Breitenfeld gesichtet habe, sich ohne schwere Gefährdung nicht mehr zurückziehen könne und bat um dringende militärische Unterstützung. Tilly, der sich bei der Nachricht, daß Pappenheim durch einen Angriff die Schweden zur Schlacht provoziert hatte, entsetzt an den Kopf griff, jammerte laut: "Dieser Kerl wird mich um meine Ehre und meinen guten Ruf bringen, und den Kaiser um sein Land und Volk." Pappenheim hatte eine Schlacht provoziert, und Tilly blieb nichts anderes übrig, als ihm nachzumarschieren.

Er traf auf einen Feind, dessen Überlegenheit nicht nur in der Mannschaftsstärke bestand, sondern auf seiner besseren Ausrüstung und der geschickteren Gliederung des Heeres beruhte.

Es war das Verdienst Gustav Adolfs, technische Verbesserungen und taktische Reformen in seinem Heer eingeführt zu haben die er auch von den Niederländern übernahm. So befreite er sowohl seine Reiterei wie auch seine Fußtruppen von den schweren und schwerfälligen Panzerungen, die damals üblich waren. Statt der sonst gebräuchlichen schweren Geschütze, zu deren Fortbewegung 16, 20 ja oft 30 Pferde notwendig waren, setzte er eine leichte Artillerie ein, die sogenannte Lederkanone, die außer sonstigen Vorzügen auch den der größeren Feuergeschwindigkeit besaß. Während es Tilly nie auf mehr als dreißig Geschütze brachte, hatte Gustav Adolf bei Breitenfeld rund einhundert, später sogar bedeutend mehr.

Diese leichten Geschütze waren sowohl der Kavallerie als auch der Infanterie beigegeben und verstärkten ganz erheblich die Kampfkraft dieser Truppenteile. Entscheidend war jedoch, daß Gustav Adolf seinen Truppen größere Beweglichkeit dadurch verliehen hatte, daß er sie nicht nach der als Standard geltenden spanischen Taktik antreten ließ. Die bisher praktizierte Taktik sah die Reiterei in sechs Reihen, in der Tiefe gestaffelt, Knie an Knie massiert antreten und angreifen. Gustav Adolf ordnete sie in kleinen viereckigen Abteilungen in vier Reihen an, zwischen denen jeder Reiter nach allen Seiten seinen Bewegungsraum hatte. Zwischen diesen Reiterabteilungen standen kleine Musketierabteilungen. Diese Musketierabteilungen waren in sechs Reihen gestaffelt, und so trainiert, daß die vorderste Reihe kniend und die folgende stehend schießen konnte. Nach dem Feuer begaben sich die Schützen in die hintersten Reihen, konnten nachladen, während die nächsten beiden Reihen schossen; - übrigens mit leichteren Musketen. Dadurch entfiel die sonst übliche Gabel zur Auflage der Muskete.





Auf diesem Ausschnitt der Darstellung der
Schlacht bei Lützen im Jahre 1632
wird sehr deutlich die unterschiedliche Aufstellung
der feindlichen Armeen dargestellt.
Im Bild oben hat sich das schwedische Heer in langgezogenen Reihen aufgestellt.
Im Bild unten ist das kaiserliche Heer unter Wallenstein
in der typischen Formation nach spanischem Vorbild angetreten.

Durch die Schachbrettaufstellung war es unerheblich, woher der Angriff vorgetragen wurde: das Fußvolk und auch die Reiterei konnte in kürzester Zeit ihre Verteidigungsrichtung ändern.

Der Drill der schwedischen Truppen war so vollendet, daß sie nicht nur dreimal schneller schossen, sondern auch dreimal wirksamer waren.

Diese neue sogenannte "flache" Formation des schwedischen Heeres führte nicht nur dazu, daß die Front größer wurde, sondern hatte zugleich den Vorteil, daß die feindlichen Geschütze in den nun dünneren Kolonnen keine allzu großen Verluste anrichten konnten.

Als es am 18. September 1631 bei Breitenfeld zur ersten militärischen Auseinandersetzung zwischen dem kaiserlichen Heer unter Tilly und den vereinten Heeren der Schweden und Sachsen kam, war das kaiserliche Heer nach herkömmlicher Anordnung aufgestellt und begann mit der Kanonade, - allerdings mit mäßigem Erfolg. Auf dem linken Flügel der protestantischen Front nahm die sächsische Reiterei mit ihrem Kurfürsten Aufstellung. Mit ihren blankgeputzten Waffen, ihren neuen Uniformen und den hellen Halstüchern und Mänteln ihrer adligen Offiziere boten sie nach dem Urteil Gustav Adolfs "einen erfreulichen und schönen Anblick".

Erst gegen drei Uhr nachmittags griff Pappenheim die Schweden durch eine Flankenbewegung im Rücken an. Bei üblicher Schlachtordnung hätte dies bereits verhängnisvoll für die Schweden enden können. Aber durch die neue Schlachtordnung geriet Pappenheim mit seinen Reitern in eine Falle und mußte sich so gut es ging zurückziehen. Um ihn in seinem Rückzugsgefecht zu entlasten, griffen die Kaiserlichen die sächsischen Fußtruppen und die sächsischen Geschütze an. Der konzentrierte Angriff richtete unter den unerprobten Truppen ein Blutbad an und ließ die sächsische Front wanken. Als auch noch die kroatische Reiterei in ihren roten Mänteln und blitzenden Säbeln und unter barbarischem Geschrei auf die Sachsen einstürmte, flohen die Kanoniere zuerst und die Kanonen fielen dem Feind in die Hand. Die Kaiserlichen wendeten die Geschütze und begannen auf die sächsische Reiterei zu feuern. Johann Georg, der zwar auf der Sauhatz Mut bewiesen hatte, konnte sich bis dahin einen so gewaltigen militärischen Angriff nicht vorstellen. Er wendete in Panik, gab seinem Streitroß die Sporen und floh vom Schlachtfeld. Er hielt nicht eher an, bis er im 24 Kilometer entfernten Eilenburg ankam.

Seine treuen sächsischen Untertanen folgten dem Vorbild ihres Herrschers und selbsterwählten Feldherrn. Zwei vollständige Regimenter Reiterei warfen ihre Waffen weg und brachten sich zu Pferd oder zu Fuß in Sicherheit. Arnims Bemühungen, die zusammenbrechende Front der Sachsen zu schließen, waren erfolglos. Erfolgreicher waren die sächsischen Soldaten. Als sie merkten, daß sie nicht mehr verfolgt wurden, fielen sie über die schwedischen Troßwagen her und raubten sie aus. Unter diesen Umständen hätte der König von Schweden kein erneutes Bündnis mit Sachsen abgeschlossen.

Sein Genie, seine Tapferkeit, die neue Militärtaktik und die damals noch sehr hohe Disziplin der schwedischen Truppen brachten den kaiserlichen Truppen eine vernichtende Niederlage bei.

Das kaiserliche Heer verlor in dieser Schlacht die gesamte Artillerie, 12.000 Mann an Gefallenen und 7.000 Gefangene, - die am nächsten Morgen bereits in das schwedische Heer eingegliedert waren.

Tilly wurde an Hals und Brust verwundet und floh mit zerschmettertem rechten Arm zunächst in Richtung Halle.

Dieser Sieg bei Breitenfeld übte auf das gesamte protestantische Lager eine ungeheure moralische Wirkung aus. Nach dreizehn Jahren Krieg hatte sich das Blatt endlich zu Gunsten der Protestanten gewendet. Breitenfeld wurde im Nu zum Symbol und die Persönlichkeit Gustav Adolfs und seine zukünftigen Taten wurden mit dem Nimbus eines Wunders umgeben. Der Kreuzzug des katholischen Kaisers war bei Breitenfeld gescheitert.

Durch mehr als einhundert Jahre hindurch wurde in Dreden der 17. September als Dankfest gefeiert. Gustav Adolf erschien als Befreier vom habsburgischen Joch.

Johann Georgs Flucht machte den von ihm angestrebten Führungsanspruch zunichte. Gustav Adolf war jetzt nicht mehr nur gleichberechtigter Vertragspartner, sondern Verteidiger der protestantischen Sache, der sich nunmehr zum Schiedsrichter über Deutschland berufen fühlte.

Diese Situation war für Johann Georg entwürdigend, und er versuchte ihr damit zu begegnen, daß er drohte, alle Flüchtenden hängen zu lassen. Er ließ aber von seinem Vorhaben ab, als ihn ein englischer Freiwilliger darauf aufmerksam machte, daß er mit sich selbst beginnen müsse...

In Umkehrung der ursprünglichen Pläne des sächsischen Kurfürsten mußte Arnim auf Weisung des Schwedenkönigs Richtung Prag marschieren. Anfang Oktober 1631 überschritten die sächsischen Truppen unter Arnim die Grenze zu Schlesien, um ihren guten Ruf in den kaiserlichen Ländern wiederherzustellen. Am 25. Oktober drangen sie in Böhmen ein und am 15. November 1631 besetzten sie Prag, das vorher von Wallenstein verlassen wurde.

Von den Protestanten, die sich aus hundert Verstecken ans Tageslicht wagten, wurden die Sachsen begeistert gefeiert.

Als nun der Kaiser und auch der spanische Botschafter an Johann Georg mit Friedensangeboten herantraten, wagte dieser nicht, jetzt, da Gustav Adolf die militärische Macht fest in den Händen hielt, Frieden zu schließen.

Während die sächsische Armee in Böhmen einfiel, marschierte das schwedische Heer in Richtung "Pfaffengasse". Es marschierte über den Thüringer Wald und brach in Franken ein, wo die reichen geistlichen Stifte reiche Beute verhießen. Es wurde ein Raubzug von unermeßlichem Gewinn. In den thüringischen Besitzungen seines sächsischen Bundesgenossen wütete die Soldateska ebenso wie in den Gebieten der Bischöfe von Bamberg, Würzburg und Mainz. Auf die Beschwerden des sächsischen Kurfürsten erklärte Gustav Adolf einfach:

"Krieg ist Krieg und Soldaten sind keine Klosterfrauen." Wo der schwedische König auf Widerstand stieß, drohte er mit "Feuer und Schwert" oder mit "Sengen, Brennen, Plündern und Morden". Wenn der Widerstand einer Stadt trotz dieser Drohung nicht aufgegeben wurde, setzten seine Mörder das Programm gewissenhaft um. Neutralität galt als Feindschaft.

Unterwarf sich jedoch eine Stadt oder eine Region den anrückenden Schweden, bedeutete dies für die Bevölkerung schwere Kontributionen, Lieferung von Proviant, Aushebung von Rekruten und Besetzung der befestigten Plätze. Klöster waren unter allen Umständen vogelfrei. Ihre Insassen wurden gefoltert, vergewaltigt, getötet oder vertrieben. Ihre oft kolossalen Schätze wurden bis auf den letzten Heller geraubt; ihr Land an die Kreaturen des Königs verschenkt.

An dieser Stelle muß jedoch auch auf eine Verhaltensweise Gustav Adolfs hingewiesen werden, die nicht typisch für Eroberer dieser Zeit war: während z.B. beim Sturm auf Mantua die Sieger das Gold, die Juwelen und die Stoffe raubten und große Teile der wertvollen Bibliothek anzündeteten, ließ Gustav Adolf wertvolle Buchbestände wohlverpackt nach Upsala transportieren! Die wertvolle Bibliothek des Kurfürsten von Mainz, die ihm im Dezember 1631 in die Hände fiel, machte er seinem Freund und Kanzler Axell Oxenstierna zum Geschenk, der sie der Domschule von Västerås schenkte, - jener Reichstadt, in der 1527 die Reformation in Schweden zur Staatsreligion erklärt wurde.

Gustav Adolf stand auf dem Höhepunkt seiner Macht, und er genoß sie in vollen Zügen. Die protestantischen Fürsten umschwärmten ihn schmarotzend und feierten ihn als Herzog des Frankenlandes. Vergebens erinnerte einer der militärisch begabtesten Feldherren in schwedischen Diensten, der Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar den schwedischen König daran, daß er ihm doch noch vor wenigen Wochen das Herzogtum Franken zugesagt habe.

Gustav Adolf entgegnete einfach dem mahnenden Gesandten:

"Es gibt der Länder noch genug zu verschenken, wenn euer Herr nur treu an seinem Bündnisse hält und die allgemeine Sache fleißig fördert."

Was Gustav Adolf unter der "allgemeinen Sache" verstand und was seine strategischen Ziele wirklich waren, darüber gibt es zum Glück hunderte von Publikationen.

Im Juli 1622 enthüllte Gustav Adolf Teile seiner Pläne vor Nürnberger Patriziern :

"Was meine Belohnung betrifft," sagte er damals "so dürft ihr nicht meinen, daß ich etwa wie ein hergelaufener Soldat etliche Monatssolde begehren oder nehmen werde. Ich verlange zu wissen, ob ich dejenigen Orte, welche ich mit Gott von den Paptisten erlangt: Würzburg, Mainz und andere in meiner Gewalt behalte. Ich verlange ferner zu wissen, ob ich in denjenigen Ländern, welche ich an meine Freunde zurückgegeben, als Mecklenburg und Pommern, nicht diejenigen Rechte der Oberhoheit behalte, die vordem mein Feind, der Kaiser, gehabt hat. Pommern kann ich schon wegen der See nicht lassen."

Weiter verkündete er, daß er einen evangelischen Kriegskörper bilden werde. Dieser Kriegskörper müsse ein Haupt haben, und dieses Haupt dürfe kein deutscher Fürst sein.

Der schwedische Gesandte Sattler ließ sich dann näher über diesen Kriegskörper und dessen Haupt aus. Bei dem Kriegskörper handelte es sich um nichts anderes, als die straffe Zusammenfassung des protestantischen Deutschlands unter schwedischer Oberhoheit. Der König werde, so betonte Sattler, die Führung des Kriegskörpers nicht von der Krone Schwedens trennen lassen. Auch werde sich Gustav Adolf nicht mit dem beschränkten Einfluß begnügen, den die Habsburger über das protestantische Deutschland ausübten.

Mit anderen Worten, Gustav Adolf gedachte die Hälfte des deutschen Reiches der schwedischen Krone zu unterstellen. Ob der Glaubenskrieger die deutsche Kaiserkrone anstrebte ist umstritten; aber: in einem privaten Gespräch mit dem Herzog von Mecklenburg hatte er erwiesenermaßen geäußert: "Sollte ich Kaiser werden..."

Die Idee war jedoch nicht so absurd, wie sie dem heutigen (deutschen) Betrachter erscheint. Das damalige deutsche Reich war ursprünglich kein nationaldeutscher, sondern ein internationaler Staat. Nur die Wechselfälle der Geschichte hatten den deutschsprachigen Bruchteil übrig gelassen. Bei früheren Wahlen um den Kaiserthron hatten sich schon Franzosen, englische Könige, Italiener und Spanier beworben bzw. die Bewerbung erwogen.

Der schwedische König mit seinen Interessen an der Ostsee, seinem protestantischen Glauben und seiner vollkommenen Beherrschung der deutschen Sprache war nicht weniger geeignet als der Habsburger Ferdinand mit seinen Verpflichtungen gegenüber Spanien und seinen Interessen in Italien. Für den norddeutschen Raum war Gustav Adolf sogar der geeignetere Bewerber: Gustav Adolfs Mutter, Christine von Holstein-Gottorp, war eine Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen und seine Gattin war die Schwester des Kurfürsten von Brandenburg. Seine einzige Tochter Christine war ihrerseits an den Erben von Brandenburg versprochen. Im Laufe der Zeit wäre die schwedische Dynastie zunehmend im mitteleuropäischen Adel aufgegangen, bis auch der schwedische Staat im Laufe der Generationen in den fortgeschritteneren und dichterbesiedelten Staaten Deutschlands aufging. So europäisch der Gedanke Gustav Adolfs auch war, die deutschen Fürsten waren von der Idee, den berechenbaren, in dieser Zeit auch militärisch relativ schwachen Ferdinand, durch einen starken Eroberer auszutauschen, nicht sonderlich eingenommen. Neben rein egoistischen Gesichtspunkten war es vor allem die Art und Weise, mit der Gustav Adolf deutsches Land unter seine Marschälle aufteilte, die die Beliebtheit des Schwedenkönigs nicht gerade steigerte. Außerdem waren sich die Fürsten darin einig, daß die Erhebung Gustav Adolfs auf den Kaiserthron nicht nur zu einer Spaltung Deutschlands, sondern auch zu einem festeren Zusammenschluß der katholischen Ländern geführt hätte.

Der Krieg wäre nicht beendet worden, aber das politische Gleichgewicht des ganzen Kontinents hätte sich verändert. Als Ausdruck der veränderten Stimmung der protestantischen deutschen Fürsten gegenüber ihrem selbsternannten Verteidiger ihres Glaubens kann die Reaktion des politisch doch recht naiven Friedrich von der Pfalz gedeutet werden. Im Februar 1632 wurde Friedrich von der Pfalz in Frankfurt am Main von Gustav Adolf mit übertriebener Ehrerbietung empfangen. Friedrich wurde nicht nur mit dem Respekt eines Kurfürsten empfangen, sondern als regierender Monarch Böhmens behandelt. Der schwedische König bestand darauf, daß Friedrich mit allen Titeln ohne Auslassung angesprochen wurde. Aber selbst der nach Anerkennung dürstende Friedrich mißtraute bald seinem Verbündeten. Einem brandenburgischen Gesandten gestand er, daß er den Grund für den von Gustav Adolf geplanten Feldzug im Jahre 1632 lediglich darin sehe, daß "der König von Schweden schwer zufriedenzustellen sei." Als er später erfuhr, daß Gustav Adolf ihn in der Pfalz als Vasallen der schwedischen Krone wiedereinsetzen wollte, weigerte er sich ganz entschieden. Für ihn wie für alle übrigen deutschen Fürsten war Gustav Adolf als Verbündeter willkommen, - jedoch nicht als unerwünschter neuer Herr.

Anfang März 1632 verließ Gustav Adolf sein Mainzer Winterlager, ließ Bernhard von Sachsen Weimar zur Sicherung des Rheins zurück und marschierte zunächst nach Schweinfurt, um sich mit Marschall Horn zu vereinigen. Von dort zog das vereinigte Heer nach Nürnberg. Zwischen Nürnberg und Fürth sammelten sich alle Truppen, die sich bisher verstreut in den Winterquartieren befanden. Die Nürnberger Bürger sollen ihn jubelnd empfangen und die Stadtväter mit Geschenken überhäuft haben. - Sie wußten nicht, was Monate später auf sie zukommen sollte...

Mit 40.000 Mann marschierte Gustav Adolf gegen Augsburg; damit war das Ziel seiner Aggression klar: Bayern! Der Kurfürst Maximilian von Bayern, der noch auf dem Reichstag von Regensburg 1630 so vehement die Absetzung Wallensteins gefordert hatte, flehte jetzt aus Angst, seine Länder zu verlieren, den Kaiser an, Wallenstein zurückzuberufen.

Erst nach langem Drängen erklärte sich Wallenstein bereit, ein neues Heer aufzustellen. Als innerhalb von drei Monaten 40.000 Mann unter Waffen standen, lehnte er es aus taktischen Gründen ab, das Heer zu führen. Tilly seinerseits zog sich vor den herannahenden Schweden nach Osten zurück, um die Lechlinie zu halten. Im April überschritt Gustav Adolf die Donau bei Donauwörth und marschierte ebenfalls ostwärts; - direkt auf Tillys Lager.

In der Zwischenzeit überwand sich sogar der Sohn des Kaisers, Erzherzog Ferdinand, und beschwor Wallenstein, endlich seine Bedingungen zur Übernahme des Oberbefehls zu nennen. Wallenstein schob zunächst seine Zusage hinaus.

Am 14. April erreichte Gustav Adolf den Lech, wo jenseits des Flusses Tilly auf bewaldeten Höhen sein Lager aufgeschlagen hatte. Auf einem Erkundungsritt beobachteten auf dem gegenüberliegenden Ufer zwei Wachtposten Gustav Adolf, die ihn nicht erkannten und vertraulich herablassend fragten, wo denn sein König sei. Die Antwort war: "Der König ist näher als ihr glaubt." In der Nacht schlugen die Schweden eine Pontonbrücke über den Fluß, überschritten ihn am folgenden Tag unter Artilleriefeuer und stürmten Tillys Stellungen. Der Erfolg dieser Taktik ist nicht so sehr dem ungestümen Draufgängertum der Schweden zu verdanken, sondern dem Umstand, daß es Tilly nicht wagte, einen Gegenangriff zu starten aus Furcht, seine eigenen Stellungen zu gefährden. Den Schweden kam außerdem zustatten, daß Tilly gleich zu Beginn der Kämpfe ein Bein zerschmettert wurde und er zurückgetragen werden mußte und sein Stellvertreter, Aldringer, enige Minuten später mit einer Schädelwunde bewußtlos zusammenbrach. Angesichts des sich abzeichnenden Mißerfolges zog Maximilian die Reste des Heeres zum Rückzug zusammen. Die Geschütze und der größte Teil des Trosses fielen den Schweden in die Hände. Der Rückzug wäre wahrscheinlich zum Fiasko geworden, wenn nicht ein nächtlicher Sturm durch umgestürzte Bäume den Vormarsch Gustav Adolfs versperrt hätte.

Vierhundert Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt, in Göllersdorf in Österreich, waren sich in der Zwischenzeit Wallenstein und der Kaiser über die Bedingungen einig geworden, zu denen Wallenstein das Kommando über die kaiserlichen Truppen übernahm. Die genauen Absprachen werden wahrscheinlich niemals bekannt werden, aber es waren unbeschränkte Vollmachten, zu denen ein Kaiser nur dann bereit ist, sie in diesem Umfang einzuräumen, wenn der Feind vor der Tür steht.

Die Rückkehr Wallensteins bedeutete nicht, daß der Vormarsch des Schwedenkönigs sofort gestoppt werden konnte. Zunächst mußten die Sachsen aus Böhmen vertrieben werden.

Wallenstein war sich darüber im klaren, daß er die Autorität des schwedischen Königs am besten dann untergraben konnte, wenn es ihm gelang, Johann Georg zu korrumpieren. Er griff deshalb die Sachsen nicht an, sondern ermöglichte es ihnen, sich über die Grenze zurückzuziehen und deutete gleichzeitig die Möglichkeit eines Bündnisses an.

Vorläufig verlief der Vormarsch Gustav Adolfs planmäßig. Am 24. April zog er unter dem Beifall der protestantischen Bürger in Augsburg ein. Der Beifall wäre sicher spärlicher ausgefallen, wenn sie geahnt hätten, daß Gustav Adolf von ihnen außer dem Huldigungseid eine monatliche Kontribution von 30.000 Talern verlangen würde...

Immerhin: das abendliche Bankett war vorbereitet und auf dem anschließenden Ball "entsagte Gustav Adolf der würdevollen Förmlichkeit eines Königs und raubte einer hübschen, verschämten Augsburgerin einen Kuß". Fünf Tage nach dem Kuß stand der würdevolle König vor den Toren Ingolstadts. In der stark befestigten Stadt lag der verwundete Tilly im Sterben. Tilly war stets ein pflichtbewußter Soldat gewesen, und so war seine letzte Pflichterfüllung die, Wallenstein zu seiner Ernennung als Oberbefehlshaber zu gratulieren und sein eigenes Vermögen von 60.000 Talern den alten Regimentern der Ligatruppen zu vererben.

Sein letztes Wort soll "Regensburg" gewesen sein, aus Sorge um die Schlüsselstellung an der Donau.

Bei einem Inspektionsritt um die Stadtmauer wurde Gustav Adolf das Pferd unter ihm erschossen. Auf den besorgten Hinweis seiner ihn begleitenden Offiziere, er möge zukünftig mehr auf seine Sicherheit achten, stellte er selbstbewußt die Frage, wozu denn ein König in einer Schachtel gut sei. Nachdem sich Gustav Adolf davon überzeugte, daß die Belagerung Ingolstadts zu viel Zeit kosten würde, entschied er sich am 3. Mai, den Vormarsch fortzusetzen, ohne die Stadt einzunehmen. Sein Weg führte ihn direkt nach Bayern, während sein Marschall Horn die Reste der kaiserlichen Truppen auf ihrem Rückzug nach Regensburg verfolgte.

Beide schwedische Heere verwüsteten das Land systematisch: sogar das junge Getreide wurde als Pferdefutter aus der Erde gerissen, so daß die Felder schon im Frühjahr kahl waren.

Die Disziplin der schwedischen Truppen war ohnehin mit der steigender Größe des Heeres zusammengebrochen, aber abgesehen von der schlechten Disziplin und der zunehmenden Roheit der Soldateska lies der schwedische König mit einer Intensität plündern, wie vor ihm noch niemand geplündert hatte.

Gustav Adolf plünderte planmäßig, um die Ressourcen seiner Feinde zu vernichten.

Dörfer und Klöster sowieso gingen in Flammen auf; Priester, Mönche und Bürger wurden gefoltert und umgebracht. Wen der Krieg verschonte, starb an der Pest, die die Truppen einschleppten oder am Hunger oder wurde von hungrigen Hunden zerfleischt.

"Eure Gnaden würden unser armes Bayern nicht erkennen." Schrieb Maximilian an seinen Bruder. Maximilian stand nun vor einer erbarmungslosen Entscheidung: sollte er mit den Trümmern seines Heeres seine Hauptstadt München retten oder Regensburg halten, das ihm nicht gehörte, um die Verbindung zu Wallenstein nicht abreißen zu lassen.

In einem Akt der Selbstverleugnung entschied er sich, mit dem Heer der Liga Regensburg zu halten. Er selbst eilte nach München, verstärkte die Garnison mit 2.000 Reitern, raffte die wichtigsten Dokumente und Schätze zusammen und floh nach Salzburg. Gerade noch rechtzeitig, denn Mitte Mai stand der König von Schweden vor den Toren Münchens. Die führerlosen Soldaten der Liga mußten einsehen, daß sie sich nicht gegen die Übermacht halten konnten. Sie zogen sich über die Isar zurück und sprengten alle Brücken. Die Bürger und die Geistlichkeit der bayerischen Hauptstadt erkauften sich gegen die ungeheure Summe von einer viertel Million Talern ihre (relative) Schonung.

Aller Welt war klar, daß Gustav Adolf ins Zentrum des Habsburger Reiches bis nach Wien marschieren wollte. Aber er mußte seinen ursprünglichen Plan aufgeben, denn Nachrichten aus Böhmen ließen ihn an der Zuverlässigkeit seines sächsischen Verbündeten zweifeln. Nicht genug, daß sein Versuch gescheitert war, den sächsischen Feldmarschall Arnim zu bestechen (genauer gesagt zu kaufen), jetzt mußte er erleben, daß sich Arnim, ohne einen Schuß abgegeben zu haben aus Böhmen nach Schlesien zurückgezogen hatte und Wallenstein erneut Prag besetzte. Falls - wie Gustav Adolf befürchtete - Ferdinand und Johann Georg von Sachsen einen Sonderfrieden abschließen würden, wäre ein militärischer Vorstoß auf Wien zum nichtkalkulierbaren Risiko geworden. Unter diesen Umständen zog sich der schwedische König am 20. Juni nach Nürnberg zurück und entwickelte in zwei hektischen Tagen einen - wie er vorgab - Friedensplan für Deutschland. Es teilt sich dem Betrachter nur sehr schwer mit, daß Gustav Adolf an die Umsetzung seines Planes geglaubt haben soll.

Der Friede war u.a. an folgende Bedingungen gebunden:

· Das Restitutionsedikt wird für null und nichtig erklärt.

· Sowohl die evangelische als auch die katholische Religion wird geduldet.

· Böhmen, Mähren und Schlesien erhalten ihren vormaligen politischen Status zurück. Alle Verbannten sollen auf ihre Güter zurückkehren.

· Friedrich von der Pfalz erhält seine Länder zurück.

· Der Herzog von Bayern verliert seine Kurwürde an Friedrich von der Pfalz.

· Die Stadt Augsburg erhält ihre vormaligen Freiheiten und in ihren Mauern wird die Ausübung der evangelischen Religion wieder gestattet.

· Als Urheber der Unruhen und als Störer des allgemeinen Friedens werden alle Jesuiten aus dem Reich verbannt.

· Damit die Gleichheit der Religionen garantiert wird, müssen Protestanten und Katholiken gleichberechtigt in die Stifte aufgenommen werden.

· Alle Klöster im Herzogtum Würtemberg, die im Verlauf der letzten Jahre von den Katholiken übernommen wurden, müssen den Protestanten zurückgegeben werden.

· Alle Unkosten, die den Reichsstädten und dem Herzogtum Würtemberg durch das Restitutionsedikt entstanden sind, müssen erstattet werden.

· In die Stiftskirchen sollten ebensoviel protestantische wie katholische Chorherren aufgenommen werden.

· Die Nordküste Deutschlands, von der Weichsel bis an die Elbe fällt an die schwedische Krone.

· Dafür wird der Kurfürst von Brandenburg mit Schlesien abgegolten.

· Die protestantischen Fürsten bilden ein sogenanntes Corpus Evangelicorum, das ähnlich der früher existierenden Union, die Interessen der Protestanten gegenüber den Katholiken vertritt. Ein starkes stehendes Heer unter dem Kommando eines Direktoriums, das auch vom Reichstag voll anerkannt werden sollte, hätte über die Sicherung der protestantischen Interessen zu wachen.

Es bleiben nach Kenntnis des Vertragsentwurfs erhebliche Zweifel, ob Gustav Adolf noch Herr der Situation war. Entweder hatte er den Bezug zur Realität bereits verloren oder er war falsch informiert. Es ist jedoch bezeichnend, daß in der Geschichte der Menschheit gesellschaftspolitische Visionäre oft ihren eigenen Illusionen erliegen.

Gustav Adolf mußte jedoch seine politischen und diplomatischen Aktivitäten unterbrechen. Wallenstein hatte die böhmische Grenze überschritten, um sich mit dem Heer Maximilians zu vereinen. Obwohl die Schweden die Vereinigung zu verhindern suchten, trafen Wallenstein und Maximilian am 11. Juli in Schwabach zusammen. Beide Kontrahenten stiegen vom Pferde, umarmten sich scheinheilig und versprachen, von nun an gemeinsam die Geschicke der Kirche und der kaiserlichen Dynastie zum Besseren zu wenden.

Gustav Adolf zog sich nach Fürth bei Nürnberg zurück. Wallenstein folgte ihm und errichtete ein festes Lager auf einer Hügelkette am Flüßchen Rednitz. Der Standort war taktisch gut gewählt: die Artillerie bedrohte die schwedischen Stellungen, und auf dem unebenen, mit Gestrüpp überwucherten Vorfeld konnte sich bei einem eventuellen Angriff die gegnerische Reiterei nicht entfalten.

Gustav Adolf war den kaiserlichen Truppen zahlenmäßig unterlegen und konnte aus diesem Grunde sein Lager nicht verlassen. Er rief deshalb alle in Süd- und Westdeutschland verstreuten Truppenteile nach Nürnberg. Maximilian bedrängte Wallenstein, den Nachschub für Gustav Adolf anzugreifen. Aber der Friedländer plante, so viele Gegner wie möglich zu vernichten und er wußte, daß die Schweden durch ihre praktizierte Taktik der planmäßigen Verwüstung eroberter Gebiete nun selbst Versorgungsprobleme bekommen werden. Weder die Pferde noch die Soldaten hatten genügend Nahrung. Mangel an Quellwasser vermehrte die Seuchen im Lager der schwedischen Truppen. Im eingeschlossenen und von Flüchtlingen überfüllten Nürnberg begrub man täglich bis zu einhundert Tote. Mannschaften und Tiere starben beängstigend schnell; allein die Reiterei verlor fast drei Viertel ihres Bestandes. Die Schweden hatten nur zwei Möglichkeiten: entweder entkräftet anzugreifen oder zu verhungern.

Wallensteins Heer wurde aus den Vorräten Friedlands versorgt. Um die Bedürfnisse des Heeres Maximilians gekümmerte er sich nicht. Dessen Soldaten starben ebenfalls in Massen. Wallensteins Strategie war so einfach wie menschenverachtend: er schwächte seine beiden Widersacher durch Hunger und Seuchen. Den einen - Gustav Adolf - aus militärischem Kalkül, den anderen aus Rachsucht für erfahrenes Unrecht.

Anfang September griffen die Schweden die kaiserlichen Stellungen an. Unter großen Verlusten an Soldaten und schweren Verlusten an militärischem Ansehen mußten sich die Schweden zurückziehen. Gustav Adolf bot daraufhin Wallenstein Friedensbedingungen an.

Neben den bekannten Forderungen der Rückerstattung protestantischer Länder sah der Plan vor, daß Wallenstein anstelle des Herzogtums Mecklenburg Franken erhält, Maximilian die Pfalz gegen Österreich eintauscht, der Kurfürst von Brandenburg Halberstadt und Magdeburg zugeteilt bekommt und daß natürlich alle Anrainerstaaten der Ostsee an Schweden fallen.

Gustav Adolf hatte keinerlei Skrupel, über fremde Länder und deren Bevölkerung zu verfügen; er spielte mit Habsburger Herrschaftsgebieten wie eine siegreiche Kolonialmacht fremde Territorien aufteilt.

Eine große Historikerin beschreibt den damaligen Standpunkt Gustav Adolfs treffend mit folgenden Worten:

"Wie alle großen Führer glaubte Gustav Adolf sowohl an sich selbst wie auch an seine Sache. Zu wiederholten Malen erklärte er in einem kritischen Augenblick seine unerschütterliche Überzeugung, daß Gott mit ihm sei...

Wie alle großen Führer hatte er eine unbegrenzte Fähigkeit, sich selbst zu täuschen."
[1]

Bei einem durch die jüngste Geschichte Europas geprägten Leser entsteht der Verdacht, daß auch Gustav Adolf "...wie alle großen Führer..." nicht frei von Größenwahn war.

Wallenstein war sich seiner militärischen Überlegenheit sicher und lehnte den "Friedensplan" ab, zumal auch die betroffenen Fürsten aus unterschiedlichsten Motiven gegen die Vorschläge waren. Am 18. September beschloß daraufhin Gustav Adolf, die Stellungen bei Fürth auf gut Glück zu räumen.

Als Gustav Adolfs Heer nach Süden abzog, drängte Maximilian Wallenstein erneut, die Schweden anzugreifen. Wallenstein hatte jedoch einen besseren Plan und überließ die Verteidigung Bayerns Maximilian, der mit den schäbigen Resten seines Heeres Gustav Adolf folgte. Wallensteins Plan war, in Eilmärschen nach Norden zu marschieren, um sich mit Holk und Pappenheim zu vereinigen und so entweder den sächsischen Kurfürsten zu zwingen, den Beistandspakt mit Gustav Adolf aufzukündigen oder durch seine Aktivitäten Gustav Adolf zu veranlassen, den Vormarsch auf Österreich abzubrechen. Gustav Adolf brach tatsächlich seinen Vormarsch auf Österreich ab, denn er lief Gefahr, von seinen Nachschublinien abgeschnitten zu werden und zog Wallenstein hinterher.

Dieser Marsch nach Norden führte die Schweden durch Gebiete, die bereits von den Kaiserlichen heimgesucht wurden. Entsprechend war auch die Kampfkraft und Moral der schwedischen Truppen als beide Heere in der Ebene bei Lützen, unweit von Leipzig am 16. November 1632 aufeinander trafen.

Gustav Adolf hatte nur noch 16.000 kampffähige Männer. 4.000 Pferde waren auf dem Marsch verendet.

Es war die entscheidende strategische Fehlentscheidung, die Wallenstein und seine Offiziere begingen, als sie annahmen, daß unter diesen offensichtlichen Mangelerscheinungen im schwedischen Heer in den Wintermonaten kein Angriff zu erwarten sei. Anders ist die im Ergebnis des Kriegsrates der kaiserlichen Obristen befohlene Aufsplitterung und mangelnde Koordination der in der Folge dezentralisierten kaiserlichen Heeresteile nicht zu erklären.

Pappenheim wurde in die Richtung Halle, Merseburg, Aschersleben befohlen; Holks Auftrag war es, bis nach Westfalen vorzustoßen, Oberst Hatzfeld marschierte Richtung Eilenburg und General Colloredo Richtung Weißenfels. Aldringer sollte in Süddeutschland Rekruten ausheben.

Später werden diese Befehle von den Zeitgenossen Wallensteins entweder als Verrat oder als Geistesschwäche ausgelegt. In einer Schmähschrift aus dem Jahre 1634 heißt es:

"...obzwar der Friedländer gute Gelegenheit gehabt...den Feind anzugreifen, hat er doch vermeint, es müsse sich auch der Feind nach seinem Kopfe richten und gleichfalls mit ihm einen Stillstand halten...".

So wie sich die Dinge in der Analyse der Geschichtsschreibung seit nunmehr dreihundert Jahren darstellen, kann Verrat zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen werden.

Verfolgt man aber das Verhalten Wallensteins in den Monaten nach der Schlacht bei Lützen und betrachtet dabei die Veränderungen, ja Entgleisungen der Schriftzüge seiner Unterschriften in diesem Zeitraum, bieten sich erschütternde Schlußfolgerungen einer sich in kurzer Zeit verändernden Persönlichkeit an.

Zunächst zurück zur Situation, wie sie sich am Nachmittag des 15. Novembers 1632 darstellte: erst zu diesem Zeitpunkt hatte Wallenstein vom Anmarsch des schwedischen Königs erfahren.

Die Schweden hatten tags zuvor einige von Collältos Kroaten gefangengenommen und durch sie erfahren, daß Pappenheim in Richtung Halle abmarschiert war. Diese Gelegenheit wollte sich Gustav Adolf nicht entgehen lassen. Sofort rückte er vor und überraschte die kaiserlichen Truppen am Abend vor Lützen. Aber es war schon zu spät für einen Angriff und so hatten Wallensteins Truppen die ganze Nacht hindurch Zeit, um Gräben und Verschanzungen aufzuwerfen. Im Fackelschein bezogen sie in den frühen Morgenstunden ihre Stellungen; ungefähr eineinhalb Kilometer von Gustav Adolfs Truppen entfernt.

Wallenstein stellte seine Truppen nach alter spanischer Manier auf: das Fußvolk im Zentrum, vor diesem die Geschütze und die Reiterei auf den Flügeln. Da Pappenheims Kürassiere und dessen Fußtruppen fehlten, hatte Wallenstein zu Beginn der Schlacht nur höchstens 15.000 Mann zur Verfügung, die, wie er später zugab, auch noch schlecht bewaffnet waren.

Die ganze Zeit seit Nürnberg hatte Wallenstein gezielt darauf hingearbeitet, einem geschwächten schwedischen Heer in Sachsen eine Schlacht zu liefern. Jetzt, wo der Plan augenscheinlich aufging, war es Wallenstein, der von Gustav Adolfs offensiven Verhalten überrascht wurde. Um seiner Armee, oder besser gesagt das, was zu diesem Zeitpunkt davon zur Verfügung stand, ein besseres Aussehen zu geben, ließ Wallenstein die mit seinem Heer ziehenden Zivilisten aus der Stadt treiben, gab ihnen ein paar Standarten und ließ sie in losen Karrees vor der Front aufstellen, in der Hoffnung, daß sie die Schweden bei dem trüben Wetter als mächtige Reserve halten würden.

Die Schweden ordneten ihre Truppen in kleinen beweglichen Karrees an, wie sie sich schon in der Schlacht bei Breitenfeld bewährt hatten. Der König befehligte den rechten Flügel, Bernhard von Sachsen-Weimar den linken.

Der Tag war trüb und nebelig. Die Schweden beteten und sangen Gustav Adolfs Feldchoral "Verzage nicht, du Häuflein klein.", die Kaiserlichen machten wie immer ihren Kniefall und riefen, während Lützen bereits brannte, "Jesus Maria".

Für Wallenstein standen die Sterne gut, hatte ihm doch sein Hofastrolog Seni angedeutet, daß im November des Jahres 1632 der Glücksstern des schwedischen Königs untergehen werde...

Ab acht Uhr machten die Schweden zwei schwache vergebliche Versuche, Wallenstein aus seiner Stellung herauszulocken. Um zehn Uhr wurde es neblig und plötzlich griff Gustav Adolf die Holkschen Reiter an. Die kaiserlichen Musketiere wurden aus ihren Verteidigungsgräben geworfen und die Reiter Holks wurden bis zu ihren Batterien zurückgedrängt.

Die "Reserven" der Zivilisten verursachten in ihrer verzweifelten Flucht ein zusätzliches Chaos und ließen Troß und Zugpferde zurück.

Während Pappenheims Truppen in Halle plünderten, übergab ein eiligst dorthin entsandter Kurier Pappenheim den Befehl zum sofortigen Rückzug nach Lützen mit folgendem Wortlaut:

Der Brief Wallensteins
an Pappenheim

(Ein Click vergrößert das Bild)



"Der feindt marchirt hereinwarths, der herr lasse
alles stehn undt liegen undt incaminire sich
herzu mitt allem volck undt stücken auf das
er morgen früe bey uns sich befünden kann,
ich aber verbleibe hiemitt des herrn dienstwilliger
A.h.z.F. (Albrecht Herzog zu Friedland)
Lützen, den 15. Novemb. Anno 1632.
Er ist schon an dem pas wo gestern der lastweg gewest ist."






Dieser mit dem Blute Pappenheims getränkte Brief liegt heute im Heeresgeschichtlichen Museum von Wien.

Soweit man plündernden Soldaten des 30jährigen Krieges Befehle erteilen konnte, - Pappenheim gelang es, mit 8.000 Kürassieren Wallenstein zu Hilfe zu eilen. (Andere Quellen sprechen von nur 3.000, was wahrscheinlicher ist.)

Um die Mittagszeit trafen Pappenheims Kürassiere auf dem Schlachtfeld ein und drängten die Schweden aus den von ihnen unter großen Verlusten eroberten Gräben. Gefangene wurden in dieser Schlacht nicht gemacht.

Bei einem dieser Angriffe erhielt Pappenheim einen Lungenschuß, an dessen Folge er erstickte. Als seine Kürassiere den verwundeten Pappenheim erblickten, wendeten sie die Pferde.

Verdiente Offiziere, wie Oberst Bönninghausen, Oberstleutnant Hofkirch und all die anderen demonstrierten mit ihrer Flucht, welchen ungeheuren Einfluß eine Persönlichkeit, wie Pappenheim auf die Kampfmoral der Truppe gehabt haben muß. Pappenheim war zwar rücksichtslos gegen seine Mannschaft, anmaßend, aber unermütlich und tapfer. Er war durch seinen sprichwörtlichen Mut zum Abgott seiner Soldaten geworden. Der Umstand, wie Pappenheim Wallenstein bewunderte und verehrte, beeindruckte die Truppen mehr als die Persönlichkeit Wallensteins selbst.
Wallenstein verdankte seine Macht ausschließlich seinem Heer.

Insofern war der Tod Pappenheims für ihn ein unersetzlicher Verlust.

Ungefähr um die gleiche Zeit, zu der Pappenheim tödlich verwundet wurde, wird auch Gustav Adolf tödlich getroffen. Die genauen Umstände sind bis heute unklar und geben stets genügend Anlaß zu Spekulationen. Fakt ist nur, daß gegen Mittag das herrenlose Pferd des Schwedenkönigs mit einer Halswunde wild über das Schlachtfeld galoppierte. Piccolomini will noch den verwundeten König am Boden liegend gesehen haben; Holk verbreitete die Nachricht unter den Kaiserlichen. Die Schweden stritten zunächst den Tod ihres Königs ab, aber da er nicht mehr kommandierte, übernahm Bernhard von Sachsen-Weimar den Oberbefehl über das schwedische Heer. Obwohl einer der schwedischen Anführer, Knyphausen, Bernhard riet, die Schlacht nach dem Tode des Königs abzubrechen, zeigte sich Bernhard hier als geschickter Psychologe. Er rief die Soldaten zur Rache auf und zum Kampf um den toten Körper des Königs. Weitere sechs Stunden wurde der Kampf verbissen geführt.

Es gelang Bernhard, das Schlachtfeld bis zum späten Abend zu behaupten.

"In der naßkalten Novembernacht suchten die Schweden nach dem Leichnam ihres Königs. Sie fanden ihn endlich; er war an einer Schußwunde zwischen dem rechten Ohr und Auge gestorben, wies aber noch andere Wunden auf, einen Dolchstoß und einen Schuß in der Seite, zwei Kugeln im Arm und eine - was wilde Gerüchte von Verrat zur Folge hatte - im Rücken. Er lag auf der feindlichen Seite des umstrittenen Grabens nackt unter einem Haufen Toter."[1]

Generationen von Historikern beschäftigten sich seitdem mit der Frage, wer der eigentliche Sieger der Schlacht war. Jede Seite beanspruchte damals, und in der Literatur auch noch heute, den Sieg für sich. Nach den damaligen Regeln hatte die Kriegspartei die Schlacht verloren, die entweder als erste das Schlachtfeld verließ oder die Kanonen dem Feinde überlassen mußte.

Bei Lützen konnten die Kaiserlichen die Kanonen am Abend nach der Schlacht nicht mit sich nehmen, weil sie keine Packpferde mehr besaßen. Die Schweden ihrererseits waren zu erschöpft, um das Feld zu räumen; sie schliefen in der Nacht nach dem Kampf vor Entkräftung auf dem Schlachtfeld ein.

In einem Schreiben von kaiserlicher Seite hieß es: "Sind beide Armeen wie zween beißende Hahnen voneinander geschieden, daß man also nicht recht sagen kann, ob einer oder der andere Teil das Feld erhalten (konnte)". Die Bilanz der Schlacht waren 9.000 Tote und Sterbende. Für den schwedischen König als auch für seinen militärischen Gegner Wallenstein war es die letzte Schlacht; - Gustav Adolf starb auf den Schlachtfeld, Wallenstein wird später ermordet.

In Wien läuteten wieder einmal die Siegesglocken, und kaiserliche Gesandte reisten nach Prag, wohin Wallenstein zurückgekehrt war, um ihm die Glückwünsche des Kaisers zu überbringen.

Der Lederkoller
Gustav Adolfs

Der Lederkoller des schwedischen Königs wurde als "Beweis" nach Wien geschickt. Der Kaiser soll beim Anblick des Kollers gesagt haben: "Ich hätte dem Unglücklichen gern ein längeres Leben und eine fröhliche Rückkehr in sein Königreich gegönnt, wenn nur in Deutschland Frieden geworden wäre!"
Es ist schon bestürzend genug, wenn man aufgrund seines fehlenden Bezuges zur Realität Ferdinand diese Worte auch zutraut. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß eine kaisertreue Propaganda diese Worte volksnah formuliert hat.

Wallenstein schien auf dem Höhepunkt seiner Macht zu sein. Aber selbst ein Mann wie Wallenstein ließ sich von den Umständen täuschen, denn Lützen war - unmerklich für ihn - zu einem Wendepunkt seines Lebens geworden.

Aus Wallensteins Mund ist über den Tod Gustav Adolfs der Ausspruch überliefert: "Ein Glück für mich und ihn, daß er dahin ist. Das Deutsche Reich konnte nicht zwei solche Häupter brauchen!"

Bauern haben später auf dem Schlachtfeld bei Lützen einen großen Findling an die Stelle gewälzt, wo der tote König gefunden wurde. Dieser Findling und eine inzwischen erbaute Gedächtniskirche bereichern noch heute das Andenken des Schwedenkönigs im sächsischen Raum. Gustav Adolf trug man in eine Kirche des kleinen Dorfes Meucha, unweit von Lützen. Man wusch ihn, kleidete ihn an und brachte ihn anschließend nach Weißenfels. Dort sah zum letzten Mal Maria Eleonore ihren Gatten, bevor er einbalsamiert wurde.

Quer durch Deutschland wurde der Sarg des Schwedenkönigs mit großem Aufwand auf der nach diesem Ereignis benannten "Gustavstraße" nach Greifswald und Wolgast geleitet. Dort wartete der Stiefbruder des Toten, Karl Karlsson Gyllenhielm darauf, ihn mit der schwedischen Flotte im Frühjahr 1633 nach Stockholm zu überführen. Gustav Adolf ist in der Stockholmer Ritterholmkirche rechts vom Altar beigesetzt. Später wurde das Grabgewölbe von König Gustav III., dem "Sonnenkönig Schwedens" pompös ausgestaltet. Die Ritterholmkirche ist die letzte Ruhestätte vieler schwedischer Könige.

Die Nachricht vom Tod des Königs erreichte Stockholm erst am 8. Dezember 1632, also gut einen Monat nach der Schlacht bei Lützen. Sie traf Stockholm und ganz Schweden wie ein Keulenschlag, denn im ganzen Lande herrschte Siegesstimmung. Seit Ende November 1632 kursierte das Gerücht von einer großen siegreichen Schlacht zwischen dem König und Wallenstein. Nach dem offiziellen Schreiben des Kanzlers Oxenstierna gab es nun keine Zweifel mehr. Berichten zufolge weinten die Herren vom Reichsrat wie sie schon beim Abschied Gustav Adolfs geweint hatten. Sie schworen in dieser bewegenden Stunde den Eid, wenn es sein müßte, für die Verteidigung des Vaterlandes zu sterben. Es mußte nicht sein.

Daraufhin beschlossen sie, zukünftig dem toten König "Gustav den Zweiten und Großen" zu nennen. Aber dieser Beschluß brachte diplomatische Verwicklungen. Da der Titel auch in allen diplomatischen Noten erwähnt wurde, erhoben Rußland und Polen Einspruch. Die Russen hatten schon unter Zähneknirschen dem Königstitel zustimmen müssen, einer Erweiterung des Titels verweigerten sie die Anerkennung. Die Polen erhoben noch immer Anspruch auf den schwedischen Königsthron - und die Schweden auf den polnischen Thron: nachdem der polnische König Sigismund im Frühjahr 1632 in Krakau beigesetzt war, hatte Gustav Adolf die Anwartschaft auf den polnischen Thron angemeldet. Drei Tage vor der Schlacht bei Lützen wählten jedoch die Polen einmütig - für polnische Verhältnisse wirklich erstaunlich - Sigismunds Sohn, Wladislaw, zu ihrem König. Wladislaw, der seinen Mitbewerber sehr bewundert haben soll, erbat sich später von Maria Eleonore das Königsschwert des Toten, "um es alltäglich in Ehrfurcht zu ziehen". Er handelte getreu seinem großen Vorbild: als das von Gustav Adolf verhandelte militärische Stillhalteabkommen mit Schweden auslief, nahm er den Schweden die lukrativen Ostseestädte auf preußischem Boden wieder ab.

Im protestantischen Deutschland war die Trauer groß; - anfangs.

Bald aber war die Zeit vorbei, da man Gustav Adolf als den Gideon, den Befreier, feierte und seinen Namen GUSTAVUS zu AUGUSTUS umstellte. Immer lauter wurden jetzt die Klagen über den "Ochsenstern", den Kanzler und politischen Erben auch in Deutschland.

Die Thronerbin Königin Christine von Schweden war sechs Jahre alt und die Regierung Schwedens lag in den Händen eines Vormundschaftskollegiums. Die tatsächliche Kontrolle hatte jedoch Oxenstierna. Unter seiner Herrschaft schlug die Stimmung in Deutschland um.

Man bezeichnete Oxenstierna in Flugblättern als den Ausbeuter und Aussauger Deutschlands, der sein nordisches Reich der Holzhütten nun in ein Reich mit steinernen Palästen verwandelt habe; - auf Kosten Deutschlands. Einhunderttausend Soldaten standen unter schwedischer Fahne und plünderten Deutschland gnadenlos aus. Der sogenannte "Schwedentrunk" kam auf und die Disziplin des schwedischen Heeres entartete immer stärker. Selbst ein gnadenloser Feldherr wie Baner fand keine geeigneten Mittel zur Disziplinierung der Soldateska.

Nach der Niederlage in der Schlacht bei Nördlingen am 6. September 1634 zeigten sich im schwedischen Heer starke Auflösungserscheinungen.

Noch zwei militärische Siege konnte Schweden feiern bevor General Torstenson von der Gicht nach Hause getrieben wurde und General Wrangel als letzter schwedischer Feldherr aus Deutschland abzog: bei Wittstock wurden die vereinigten Kaiserlichen und Sachsen geschlagen und im Mai 1643 wurde der Nachbar Dänemark angegriffen und besiegt. Alte Rechnungen waren noch offen, und Dänemark mußte zahlen: Dänemark verlor die Ostseeinseln Gotland und Ösel und die Länder Jämtland und Härjedalen. Den Landesteil Halland behielten die Schweden für dreißig Jahre als Pfand für angebliche dänische "Erfüllungspolitik" bei Wittstock. Später behielten sie das Pfand für immer, und schwedische Schiffe passierten seitdem den Öresund zollfrei!

Am 24. Oktober 1648 wurde in Osnabrück der "Westfälische Friede" unterzeichnet. Schweden kam nicht zu kurz: es erhielt die westliche Hälfte des Herzogtums Pommern, "Vorpommern", einschließlich der Odermündung und der Stadt Stettin. Außerdem die Stadt Wismar mit einem entsprechenden Gebiet von Mecklenburg sowie die die Stadt Bremen umgebenden Bischofslande ohne die Stadt und Verden an der Aller. Diese Gebiete verblieben jedoch im Deutschen Reich, - denn der König von Schweden war deutscher Reichsfürst.

Die Ergebnisse der schwedischen Einflußnahme auf die Entwicklung in Deutschland werden durch folgendes Zitat auf den Punkt gebracht:

"Und welchen Ruhm der Herrscher und die Feldherrn Schwedens auch ernteten und wie sehr der Handel Schwedens auch angespornt wurde, am Ende überwog das Schlechte sogar in Schweden das Gute, denn das Ansehen der Regierung wurde durch den Ehrgeiz der militärischen Führer untergraben, die Bevölkerung durch die Anforderungen des Krieges erschöpft, und die eroberten Länder waren nicht zu halten."[1]

Voltaire und Friedrich Schiller waren große Bewunderer Gustav Adolfs.

Nach vielen lobenden Worten, die Schiller in seinen Abhandlungen zum 30jährigen Krieg über den Schwedenkönig schrieb, und den er darin einen "lichten Helden" nannte, wird der Leser vom großen deutschen Klassiker mit folgenden Sätzen überrascht:

"Aber es war nicht mehr der Wohltäter Deutschlands, der bei Lützen sank. Die wohltätige Hälfte seiner Laufbahn hatte Gustav Adolf geendigt, und der größte Dienst, den er der Freiheit des Deutschen Reiches noch erzeigen kann, ist - zu sterben..."

Die kurze Biografie Gustav Adolfs wäre unvollständig, wenn nicht auch seine menschlichen Schwächen, die vielleicht seine Stärken waren, Erwähnung finden würden.

Zu seinen Stärken zählte ohne Zweifel seine Begabung für Sprachen. Gustav Adolf sprach von Haus aus Schwedisch und Deutsch. In Wort und Schrift lernte er Niederländisch, Italienisch und Französisch. Er verstand Englisch, Schottisch, Spanisch und konnte also seinen Söldnern Befehle unmißverständlich vermitteln. Russisch und Polnisch, die Sprache der Gegner der ersten Jahre verstand er notdürftig. Griechisch war nicht seine Leidenschaft, aber er konnte Texte übersetzen. Latein, die Sprache der Gelehrten sprach er fließend.

Franz Mehring, der es schon von seinem ideologischen Standpunkt aus ablehnte, Gustav Adolf einen "Großen" zu nennen, erkannte jedoch an, daß der Schwedenkönig an Bildung viele große und kleine Regenten seiner Zeit überragte.

Gustav Adolf muß besonders dickköpfig, impulsiv und aufbrausend gewesen sein. Diese Eigenschaften verstärkten sich in der pubertären Phase so stark, daß sein Vater im vertrauten Kreis Bedenken äußerte, ob denn sein Sohn für die Nachfolge wirklich geeignet ist. Vorsorglich setzte der alternde König Carl IX. in seiner letzten Verfügung seinen engeren Vertrauten, den Reichsrat Oxenstierna als Vormund seiner Kinder ein und berief ihn zum Vorsitzenden des Regierungsrates, da er Adolfs Thronfolge ernsthaft in Zweifel stellte. Der Umstand, daß Oxenstierna dann doch am 17. Dezember 1611 der Königin Gustav Adolfs Mündigkeit meldete und damit den Weg zur Thronbesteigung ebnete, brachte ihm die Berufung zum Reichskanzler und die Freundschaft des jungen Schwedenkönigs.

Gustav Adolf ist von seinen Eltern nie verwöhnt worden; die Mutter war ihm gegenüber übertrieben sparsam, der Vater wollte ihn durch Härte auf das Amt vorbereiten. Das führte dann zu Reaktionen, die im heutigen Sprachgebrauch mit dem Wort Generationskonflikt umschrieben werden. Hin und wieder versuchte Gustav Adolf in Jagden, Poker-, Würfel- und Kartenspiel sich seine Freiräume zu schaffen. Die Bauern, denen er durch Jagd und Wildschäden Schäden zufügte, sahen es ihm nach - denn er zahlte gut. Die Tatsache, daß er bei diesen Gelegenheiten oft inkognito mit seinen Kumpanen in Gasthöfen einkehrte und sich durch ein großzügiges Geldgeschenk zum Abschied demaskierte, geisterte lange Zeit in der Folklore Schwedens.

Besondere Spannungen zwischen Mutter und Sohn entstanden immer dann, wenn handfeste sinnliche Interessen des Thronfolgers an der Damenwelt des Hofes ins Spiel kamen. Das Vertrauensverhälnis zwischen Mutter und Sohn zerbrach, als Gustav Adolf 1613 begann, heimlich Liebesbriefe an Ebba Brahe zu schreiben. Mit diesen Liebesbriefen begann eine Liebesromanze in Moll, die ein Machtwort der Mutter in Dur beendete.

Ebba Brahe, die Jugendliebe Gustav Adolfs, war aus sogenannten gutem Hause und die Tochter des führenden Adelsmanns und größten Grundbesitzer des schwedischen Reiches. Sie war mit den Vasas verwandt und wurde deshalb von Gustav Adolfs Mutter an den Hof genommen. Ebba war zu diesem Zeitpunkt fünfzehn Jahre alt, Gustav Adof siebzehn.

Obwohl die Porträts (nicht nur) dieser Zeit geschmeichelt waren, - das Bild der jungen Ebba auf Schloß Skokloster in Schweden zeigt ein sehr attraktives, frisches, natürliches Mädchengesicht mit großen Augen, hoher Stirn, leicht geschwungene Nase und vollem Mund. Im Vergleich zu den oft blutleeren, blasierten Gesichtern der übrigen Hofgesellschaft fiel sie sicher aus dem Rahmen. Die Königinmutter, hatte in politischen Dingen wenig zu sagen, war aber anerkanntes Familienoberhaupt, und als solches vertrat sie die Meinung, daß eine "Hofdame" niemals erste Dame des Landes werden könne. Außerdem hatte sie mit ihrem Sohn - wie die meisten Mütter - andere Pläne. Ebba fiel in "Ungnade". Mutter und Sohn setzten alle Hebel in Bewegung, um ans Ziel zu kommen. Die Mutter grub ein Horoskop von Tycho Brahe aus, demzufolge ihr Sohn nicht vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr heiraten würde (was sich später auch tatsächlich bestätigte), während Gustav Adolf seine engsten Freunde bei Hofe zur "Belagerung" seiner Mutter überredete. Die Belagerung endete damit, daß der spätere Kanzler Oxenstierna eine Ohrfeige von der Königinmutter bekam und Ebba an den Hof der Großmutter Gustav Adolfs floh. Der Stoff, aus dem Romane gemacht werden, endete damit, daß die Königinmutter siegte, Ebba nicht Königin wurde und später den schwedisch-wallonischen Kriegsherrn De la Gardie heiratete. Die Dankbarkeit der Mutter gegenüber der "Vorsehung" war groß; das Mädchen, das ihren hochfliegenden Plänen im Wege stand, war "glücklich beiseite gebracht" - wie sie dem hessischen Landgrafen Moritz schrieb. In einem irrte sie, als sie ausdrücklich in diesem Brief bemerkte, daß sie "...glaube, mit Sicherheit sagen zu können, daß dem König keine Spur einer fortbestehenden Neigung zu beobachten sei."

Gustav Adolf ließ durch den namhaftesten Goldschmied Stockholms ein Brustgeschmeide im Wert von 300 Golddukaten anfertigen, das er Ebba zum Abschied selbst umgehängt haben soll.

Der König erhob De la Gardie in den Grafenstand. Nach diesem Kapitel Familiengeschichte gab es keine Bindungen mehr zwischen Mutter und Sohn.

Gustav Adolf suchte nun seine Ablenkung im Krieg. Und das tat er so gründlich, daß alle Versuche der Mutter, ihn mit "hoffähigen" Partien vom Kontinent zu verkuppeln, so kläglich scheiterten, daß die Mutter schon Befürchtungen äußerte, ob ihr Sohn überhaupt noch an Frauen interessiert sei. Was sie nicht wußte: er war interessiert. Im Feldlager von Pskow beim Feldzug gegen Rußland begegnete der nun zwanzigjährige enttäuschte Liebhaber der Gretje aus den Niederlanden, die nach einschlägigen Berichten lagerbekannt, großzügig, schön und nicht so harmlos war, wie ihr Name vielleicht vermuten läßt. Sie war die Gattin eines älteren und leider gar nicht mehr gesunden Pionieroffiziers. Das Verhältnis blieb nicht ohne Folgen.

Gustav Adolf war allerdings so gradlinig, sich zu dem Sohn der Gretje zu bekennen. Das Schicksal wollte es, daß ihm in seiner späteren Ehe kein Sohn als Thronfolger geboren wurde.

Frühe Biografen Gustav Adolfs taten immer so, als wenn es im Leben des Christen und Helden Gretje nie gegeben hätte. Aber zu Zeiten, als Gustav Adolf lebte, wußten es alle, denn der wenig zurückhaltende Feldprediger Rudbeckius sorgte für genügend Staub. Der Feldgottesdienst war bei den Schweden ein wichtiger Bestandteil des militärischen Dienstes. Teilnahme war Pflicht. Und so vernahmen alle Soldaten schadenfroh schmunzelnd, wie der Feldprediger von der Kanzel unzweideutig ihren König mit alttestamentarischen Drohungen und unmißverständlichen Vergleichen zusammenstauchte.

"Gesetz und Ordnung sind wie ein Spinnennetz sagt man im Volk; die kleinen Fliegen bleiben hängen, die großen Bremsen stoßen hindurch!" donnerten seine Worte über der Matsch von Pskow.

In diesen Worten lag ein unzweideutiger Hinweis für den König: in Schweden wurde ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau mit der Todesstrafe geahndet, wenn der Ertappte Glück hatte, wurde er nur des Landes verwiesen. Der König begriff schnell - und handelte sofort: von Pskow aus verfügte er, daß die schwedischen Richter bei Ehebruch mildere Strafen verhängen durften. Nach dem Tode ihres Gatten wurde Gretje eine Leibrente ausgezahlt, die ihr ein angenehmes Leben in Stockholm ermöglichte. Der Sohn erhielt nach dem Willen des Vaters den Namen Gustav Gustavsson von Vasaborg, - ein eindeutiges Bekenntnis zur Vaterschaft!

Der üblichen Praxis folgend wurde die Witwe einige Jahre später wieder verheiratet.

Diese Episode aus dem Leben Gustav Adolfs ist keine pikante Skandalgeschichte, die verheimlicht bleiben sollte. Sie zeigt vielmehr einen Mann, der auch zu seinen Verfehlungen stand.

Es war auch nicht Gustav Adolfs Art, nach den vernichtenden Predigten seines Feldpredigers in Sack und Asche zu gehen. Eine gewisse Kerstin Flemming hatte es ihm angetan, und für sie schrieb er in seinen Mußestunden Gedichte. Ein Gedicht z.B. schrieb er über die Tugend! Allerdings diente der Titel offenbar nur zur Tarnung der recht erotischen Offenheit des Inhalts...

Nach Meinung seines Predigers begriff Gustav Adolf nicht die Schwere seiner Pflicht und Verantwortung und war auf dem falschen Weg. Darum verlangte der Kirchenmann nun echte Reue und Buße und die Garantie, weiterhin der Versuchung zu widerstehen. Da nach Meinung des Predigers nur eine Heirat allen Versuchungen einen Riegel vorschieben konnte, konzentrierte er seinen Eifer auf die Suche nach einer geeigneten Kandidatin.

Die ersten zarten Fäden wurden in Richtung Brandenburg gesponnen. Ob es die ausgesprochene Schönheit der Marie Eleonore war, die die Aufmerksamkeit des schwedischen Königs erregte oder nur der Reiz, seinem feindlichen polnischen Vetter, der ihn als König von Schweden nicht anerkannte, die Braut seines Sohnes auszuspannen, ist unerheblich, denn - um dies vorwegzunehmen - die Ehe wurde glücklich.

Sicher spielten auch strategische Ziele eine Rolle, denn das Herzogtum Preußen benötigte einen neuen Regenten. Der alte Regent, Albrecht Friedrich, war seiner Sinne nicht mehr mächtig.

Nach dem Erbrecht war der Kurfürst von Brandenburg, Johann Sigismund, der neue Regent von Pommern. Wer also die schöne Braut aus Brandenburg bekam, erhielt als Brautgeschenk ein strategisch wichtiges Gebiet des deutschen Kaiserreiches, das ihm einen starken politischen Einfluß im Fürstenkollegium sicherte. Außerdem spielten Preußen und Pommern eine entscheidende Rolle in den Plänen Gustav Adolfs, die Vorherrschaft über die Ostsee zu gewinnen. Der Polenkönig war zweifellos im Vorteil, denn er war gleichzeitig der Lehnsherr des Herzogtums Preußen. Außerdem waren sein Sohn und der junge Kurfürst von Brandenburg befreundet. Die Entscheidung über die Heirat, soviel war klar, würde jedoch die Kurfürstin Anna von Brandenburg treffen, denn ihr Gatte, Johann Sigismund, stand unter dem Pantoffel. Gustav Adolf hatte bei der Kurfürstin Anna schlechte Karten, denn sie erklärte im Zorn, daß sie lieber ihre Tochter begraben als nach Stockholm geben werde. Sie konnte es sich leisten: es wimmelte in Brandenburg von Freiern von Format und europäischem Einfluß. Der Prinz von Wales, Wilhelm von Oranien, Christian IV. von Dänemark und Wladislaw, der Sohn des Polenkönigs waren darunter. Allerdings: bei seinem potentiellen Schwiegervater, dem alten Kurfürsten, war Gustav Adolf Favorit, und bei Marie Eleonore der einzige Kandidat, der für sie in Frage kam.

Auf der Suche nach Selbstbestätigung versuchte der alte Kurfürst an seiner Gattin vorbei eine Entscheidung herbeizuführen. Er ließ dem schwedischen Hof mitteilen, daß für ihn nur Gustav Adolf als Schwiegersohn in Frage käme und man doch möglichst die Vorbereitungen zur Hochzeit forcieren möchte. Als die Girlanden schon an den Wänden hingen und der Wein kühl gestellt war, kamen zwei Briefe in Stockholm an. Ein wohlwollender vom alten Kurfürsten; der andere war von Anna und sein Inhalt sprühte Gift und Galle: was eventuelle Mitteilungen ihres Gemahls, des Kurfürsten angehe, so sei diesen keine Bedeutung beizumessen, da seine geistigen Kräfte nach seiner Krankheit geschwächt wären...

Der Blamierte war Gustav Adolf; auf den Adelssitzen Schwedens witzelte man, und sein persönlicher Freund Oxenstierna warnte ihn davor, Zielscheibe europäischen Spotts zu werden.

Aber der König gab nicht auf. Mehrere Inkognitoreisen nach Berlin überzeugten schließlich die Kurfürstin und Marie Eleonore himmelte ihren Held aus dem Norden sowieso an. So kam es zur Verlobung, während der Bruder der Braut gerade die Heirat seiner Schwester mit Wladislaw in Krakau aushandelte. Da sich Schweden und Polen im permanenten Kriegszustand befanden, kam es auf diesen Affront nun auch nicht mehr an.

Am 25. November 1620 fand die Hochzeit auf dem Stockholmer Schloß statt. Drei Tage später wurde Marie Eleonore zur Königin von Schweden gekrönt.

Die Königin war schön und ihre Zuneigung hatte etwas Schwärmerisches. Der König war stolz auf sie und war - soweit sind sich alle Zeitgenossen einig - ein untadeliger Ehegatte. Doch im Überschwang ihrer eigensüchtigen Liebe sah die Königin alle Aufgaben, die Gustav Adolf zu lösen hatte, als Störfaktoren ihres Glücks. Sie wollte ihren Helden und Wickinger ganz für sich allein und nach dem Vorbild kontinentaler Fürstenhöfe möglichst jeden Tag ein Fest. So kam es bald zu Vorwürfen, die sich steigerten und oft über den Rahmen des noch Erträglichen hinausgingen. Die in der Geschichtsschreibung vorsichtig als "schöne, aber unausgeglichene und exaltierte Dame" geschilderte Marie Eleonore verlor oft die Kontrolle über sich, um ihre Vorwürfe sogleich wieder zu bereuen - und sie in Gegenwart Fremder erneut vorzubringen.

Gustav Adolf steckte viel ein und bemühte sich geduldig, den Dingen mit Würde zu begegnen.

Seine große Ungeduld galt der Frage: Wo bleibt der Thronfolger?

Im Jahre 1623 schien es soweit zu sein. Doch das Mädchen, Christine genannt, starb nach einem Jahr.

Der Vetter Sigismund in Krakau witterte Morgenluft und entsandte bereits Agenten in den Norden, die für seine Rückkehr nach Schweden agitierten. Gustav Adolf traf jedoch unbeirrt Vorkehrungen für den Fall, daß seine Ehe kinderlos bleiben sollte: seine Schwester hatte einen Sohn, einen Vasa, und der sollte im Ernstfall den Thron erben. Und in der Tat wurde später Karl Gustav König von Schweden. Allerdings auf Umwegen, denn Ende 1626 schien der Wunschtraum des Königs in Erfüllung zu gehen. Seine Träume und die Voraussagen der Astrologen verhießen einen Sohn. Und es wurde wieder ein Mädchen!

Es wurde - aus Trotz - wieder Christine genannt und blieb am Leben. Die Tochter notierte später in ihrem Tagebuch:

"Der große Fürst legte jedoch keinerlei Verwunderung an den Tag, sondern nahm mich zu sich und schloß mich liebevoll in die Arme, als währen seine Erwartungen nicht enttäuscht worden."

Über die Tochter sagte der König lächelnd:

"Sie wird schlau werden mit der Zeit, denn sie hat uns alle hereingelegt."

Christine Vasa wurde nach dem Tode ihres Vaters Königin von Schweden (zunächst unter Vormundschaft) und später weltbekannt. Sie war eine hochkultivierte, gebildete und verschwenderische Dame, aber als Regentin eines auf Expansion ausgerichteten schwedischen Reiches ungeeignet.

Am Ende ihrer Tage war sie ohne Krone und wieder katholisch geworden. Sie starb 1689 in Rom.



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