Feuquières, Marquis de

Nach der Heirat der spanischen Infantin Maria mit dem König von Ungarn und späteren Thronfolger Ferdinand III. im Jahre 1631 kam es zu einer verstärkten politischen Zusammenarbeit zwischen Spanien und dem deutschen Reich. Die Furcht vor der Macht Spaniens, die nach einem eventuellen Sieg über die Vereinigten Niederlande Frankreich gefährden könnte, war die treibende Kraft der Außenpolitik Richelieus in der Zeit des 30jährigen Krieges.

Um dieser Gefahr vorzubeugen, schickte er u.a. den Marqius de Feuquières nach Deutschland. Feuquières hatte zunächst die Aufgabe, weitere Koalitionen zu verhindern. Nach der Schlacht bei Lützen nutzte Richelieu die Gelegenheit, den Einfluß Frankreichs auf die verbündeten deutschen Fürsten auszuweiten. An einem Frieden in Deutschland war er ebenso wenig interessiert wie der schwedische Kanzler Oxenstierna.

Feuquières erhielt zu diesem Zeitpunkt die Weisung, die Mitglieder der protestantischen Koalition gegeneinander auszuspielen: Sachsen sollte unter allen Umständen an einem Sonderfrieden mit dem Kaiser gehindert werden; dem Kurfürsten von Brandenburg wurde zugesichert, daß der König von Frankreich zukünftig Pommern gegen die Schweden sichern werde. Oxenstiernas Mißtrauen sollte mit dem Versprechen getäuscht werden, Frankreich wolle bei der Heirat der Königin Christine mit dessen Sohn diplomatisch behilflich sein. Den gleichen Vorschlag unterbreitete Feuquières aber auch dem Kurfürsten von Sachsen...

Unter dessen formeller Führung sollte eine protestantische Koalition unter politischer Leitung Frankreichs etabliert werden, die die bisherige Position der Schweden ersetzen sollte.

Die Ziele der schwedischen und französischen Verhandlungsführer waren konkurrierend, - in jedem Fall aber von staatlichen Machtinteressen diktiert. Oxenstierna wollte bei den Verhandlungen mit Frankreich Gegenleistungen für die schwedischen Verluste an Menschen und Material sowie die Sicherheit der Protestanten in Deutschland erreichen. Feuquières Ziele waren, Frankreich gegen Spanien und die deutschen Katholiken gegen die Angriffe ihrer protestantischen Landsleute zu schützen. Entsprechend waren auch ihre unterschiedlichen diplomatischen Strategien gegenüber den deutschen Fürsten angelegt.

Feuquières diplomatisches Vorgehen erstickte im zunehmenden Maße die Diplomatie Oxenstiernas wie Efeu einen Baum zum Absterben bringt. Er hatte außerden den unleugbaren Vorteil, mehr Geld für die Bestechung der deutschen Verbündeten ausgeben zu können als Oxenstierna.

Zum Ärger Oxenstiernas ging Feuquières daran, die Fürsten und Staaten der Liga der Reihe nach vom Einfluß Schwedens zu lösen und dafür auch noch die Organisation Oxenstiernas auszunutzen. Er konnte in Heilbronn die Delegierten dazu überreden, neben der schwedischen Regierung auch den König von Frankreich als Protektor und Interessenvertreter anzuerkennen. Um die deutschen Bundesgenossen noch enger an Frankreich zu binden, erklärte sich Feuquières bereit, die im Vertrag von Bärwalde an Schweden zugesagten Subsidien von einer halben Million Livres nun, bei der Erneuerung des Vertrages, direkt an die Vertragspartner der Heilbronner Liga auszuzahlen. Oxenstierna saß dadurch diplomatisch zwischen den Stühlen: auf der einen Seite empfand er das Vorgehen des Franzosen erniedrigend, andererseits konnte er sich nicht erlauben, finanzielle Unterstützungen abzulehnen und mußte den Vorschlag annehmen.

In der Folgezeit wurde durch die diplomatischen Aktivitäten Feuquières die Stellung Oxenstierna geschwächt.

Schon im April 1633 versuchte Feuquières Bernhard von Sachsen-Weimar, einen der fähigsten, aber strategisch unberechenbaren Feldherren der Schweden mit Versprechungen an Frankreich zu binden. Dadurch gab es nicht nur Koordinierungsprobleme zwischen den konkurrierenden schwedisch-französischen Oberbefehlshabern, auch gab die Stimmung im Heer Oxenstierna ausreichend Grund zur Besorgnis.

Die französischen Gelder wurden nicht pünktlich gezahlt, und das Besoldungssystem des schwedischen Heeres brach zusammen. Die französische Außenpolitik war in ihrer Wirkung sehr effektiv.

Diese für Schweden unerfreuliche Lage nutzte Feuquières geschickt aus. Er unterbreitete der protestantischen Liga einen Vorschlag, wonach Frankreich großzügig die finanziellen Engpässe durch sehr viel Geld überbrücken helfen würde, wenn man als "kleine Sicherheit" Frankreich die Festung Philippsburg am rechten Rheinufer auf Kriegsdauer überlassen würde. Philippsburg war zwar von den Schweden besetzt, gehörte aber der Liga. Würde diese Festung an Frankreich abgetreten, wäre sie ein Symbol der Macht Richelieus als Beschützer deutscher Rechte geworden.

Bevor Oxenstierna überhaupt entscheiden konnte, kam die Front in Süddeutschland wieder in Bewegung.

Der Sohn des Kaisers und jetziger König von Ungarn, Ferdinand III. befreite Regensburg von der schwedischen Besatzung und war auf dem Wege, um sich mit dem von Italien heranziehenden Kardinalinfanten von Spanien zu vereinigen. Die Schweden waren außerstande, die beiden feindlichen Heere daran zu hindern.

Am 5. und 6. September 1634 kam es bei Nördlingen zur Entscheidungsschlacht zwischen den vereinten Heeren der Schweden und denen der Habsburger. Die Schlacht bei Nördlingen verlief dramatischer als die bei Breitenfeld 1631 und endete mit einer totalen Niederlage der Schweden.

Sie bezeichnete gleichzeitig auch das Ende der schwedischen militärischen Vorherrschaft in Deutschland.

Oxenstierna mußte erleben, wie die Deputierten der Heilbronner Liga und selbst zwei sächsischen Kreise sich hilfesuchend an seinen diplomatischen Gegenspieler, Feuquières, wandten, um den Schutz Frankreichs zu erflehen und sich damit in die Hand Richelieus zu begeben.

Dadurch wurde der Kardinal zum Lenker der protestantischen Politik in Deutschland, und es begann der letzte Akt des 30jährigen Krieges mit dem offen ausgetragenen Kampf zwischen den Bourbonen und den Habsburgern um die Vorherrschaft in Europa.

Oxenstierna wurde in der Folgezeit von den Problemen überrollt: in Schweden kursierten Gerüchte über einen nahen Frieden, die Heimat war finanziell erschöpft; die Hilfsquellen der deutschen Verbündeten versiegten. Aus Schlesien kam von General Baner die Nachricht, daß die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen beabsichtigen, das Bündnis mit Schweden aufzukündigen. Den schwedischen Truppen seien Winterquartiere in Schlesien verweigert worden und man müsse sich bis Magdeburg und Halberstadt zurückziehen. Die Bevölkerung Norddeutschlands war nicht mehr bereit, Geld für die Ausrüstung der schlechtgekleideten Truppen bereitzustellen. Die Truppen meuterten, und Oxenstierna hatte keine andere Wahl, als Richelieu um Geld zu bitten.

Nach zähen Verhandlungen wurde unter Mitwirkung von Feuquières am 1. November 1634 der sogenannte Vertrag von Paris unterzeichnet, in dem sich Ludwig XIII. verpflichtete, 12.000 Mann zu stellen und die Summe von 500.000 Livres zu zahlen. Als Gegenleistung verlangte Frankreich die Sicherung des katholischen Glaubens, die Abtretung von Stützpunkten im Elsaß und den Brückenkopf von Straßburg.

Kein Waffenstilltand oder Friede sollte ohne Zustimmung Frankreichs abgeschlossen werden; Frankreich war auch nicht bereit, in den Krieg aktiv einzugreifen und Unterstützung über das verhandelte Maß hinaus zu zahlen. Oxenstierna, der diese Konditionen zu billigen hatte, weigerte sich als letztes Zeichen des Widerstandes lediglich, den Vertrag im Namen der noch unmündigen Königin von Schweden zu unterschreiben.

Der Vertrag von Paris degradierte Schweden zu einem Vasallen Frankreichs, aber Oxenstiernas Vorzüge bestanden offenbar neben seiner Nervenstärke auch in dem Genie, aus jedem Nachteil auch einen Vorteil zu ziehen.

Die intensiven militärischen Vorbereitungen Spaniens im Kampf gegen die Niederlande gaben dann den Anlaß, einen neuen Vertrag mit Frankreich auszuhandeln. Die spanischen Fußtruppen mußten auf ihrem Vormarsch durch die Grenzgebiete Frankreichs marschieren und gefährdeten dadurch Frankreichs Integrität - falls es der französischen militärischen Führung nicht gelang, sie bereits in der Gegend um den Bodensee abzublocken.

Dazu war Frankreich allein nicht in der Lage. Der Kardinal mußte erkennen, daß sein politischer Ehrgeiz mit der militärischen Stärke Frankreichs nicht im Einklang stand. Plötzlich war Richelieu zu Zugeständnissen auch gegenüber Schweden gezwungen.

Oxenstierna fuhr selbst nach Paris. Er hielt es für besser, mit dem Kardinal persönlich zu verhandeln, denn die Verhandlungen mit dessen Gesandten Feuquières waren zunehmend von ständigem Mißtrauen geprägt.

Am 30. April 1635 unterzeichneten beide Verhandlungsparner den Vertrag von Compiègne, der Schweden als gleichberechtigten Verbündeten anerkannte und in dem sich Frankreich verpflichtete, keinen Frieden ohne Zustimmung Schwedens abzuschließen.

Der wichtigste Vertragsgegenstand war jedoch die Verpflichtung Frankreichs, Spanien den Krieg zu erklären.

Es war das beste Ergebnis, das Oxenstierna unter den gegebenen Bedingungen gegen die hervorragend agierende französische Diplomatie erreichen konnte.

Diese diplomatischen Verhandlungen zwischen dem klugen, zähen und skrupellosen Marquis de Feuquières und dem im Vergleich mit ihm etwas knorrig wirkenden, aber nervenstarken Oxenstierna, gehören zu den Höhepunkten europäischer Diplomatie des 17. Jahrhunderts.



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