Christian von Anhalt-Bernburg

Christian von Anhalt "...war ein unglaublich selbstbewußtes, geschäftiges Männchen mit einem Schopf knallroter Haare. Militärisch, administrativ und diplomatisch glänzte er auf eine oberflächliche Weise... die Diplomatie Christians von Anhalt (beruhte) auf einem sehr simplen Grundsatz: Er versprach immer alles...Aber Christian von Anhalt war nicht der Mann, der Vertrauen einflößte...Die einzige Entschuldigung für Christians offenkundige Unehrlichkeit ist die, daß er sich ständig selbst täuschte; niemand konnte eine herausforderndere Sicherheit, Herr der Lage zu sein, an den Tag legen als er." [1]

Diese Einschätzung der Person Christians wird durch Golo Mann [2] ergänzt bzw. korrigiert . Er schreibt u.a.:

Christian von Anhalt war ein "Kleiner Fürstenleute Kind und eigentlich nichts als ein Beamter des Pfalzgrafen, den er als Statthalter in der an Böhmen grenzenden Oberpfalz vertrat ... sein anschlägiger Geist (brütete) einen unerschöpflichen Vorrat von Intrigen aus ... ein den Kontinent umspannendes System zugleich von Luftschlössern und von explosiven Minen."

Übrigens war Fürst Christian ein sanguinischer, mit Europas Höfen weltläufig vertrauter, stattlicher Mann, den Freuden des Daseins zugetan.

Erst das Zusammentreffen dieser Art von Diplomatie mit der politischen Unfähigkeit des Kurfürsten Friedrichs V.  von der Pfalz ergab die Brisanz, die einen militärischen Konflikt geradezu auslösen mußte.

Natürlich war die Tätigkeit Christians vordergründig auf die Stärkung des politischen Einflusses der Pfalz gerichtet und natürlich ging es dem fleißigen Kirchgänger auch ein wenig um den Glauben, zumal wenn es sich um den Glauben seines Lieblingsgegners, der Habsburger handelte. Aber Historiker sind sich auch darüber einig, daß es Christian persönlich auch auf das Kurfürstentum Mainz abgesehen hatte; - natürlich säkularisiert.

Christian genoß eine gute Ausbildung, die er durch Reisen durch die Türkei und längere Aufenthalte in Italien und Frankreich vertiefte und die ihn vom Durchscnitt der deutschen Fürsten abhob.

Eigentlich war Christian von Anhalt von Jugend an ein überzeugter Lutheraner gewesen. Er kannte den Katechismus und die Schriften Melanchthons, wurde aber später Calvinist. Das entsprach sicher eher seiner Geisteshaltung. Aber diese calvinistische Geisteshaltung übertrug sich auch auf alle Werke, die Christian aus der Taufe hob.

So war die protestantische Union, an deren Bildung er maßgeblich beteiligt war, nur dem Namen nach protestantisch. In Wirklichkeit war sie calvinistisch geprägt und trug damit dazu bei, daß z.B. der sächsische Kurfürst Johann Georg , als überzeugter Verfechter des protestantischen Glaubens, nie die Pläne Friedrichs unterstützte.

Auch die späteren innenpolitischen Probleme, denen sich Friedrich nach seinem Amtsantritt als böhmischer König gegenübersah, hatten ihre Wurzeln in der Konfrontation zwischen Pfälzer Calvinisten und böhmischen Protestanten in Prag.

Durch den absoluten, intoleranten Bezug auf den Calvinismus waren Christians und damit Friedrichs außenpolitische Aktivitäten in weiten Bereichen europäischer Diplomatie isoliert.

Christian von Anhalt ist gleichsam ein Symbol der praktizierten Winkeldiplomatie des 17. Jahrhunderts:

auf der einen Seite Frömmigkeit, die zu Bigotterie entartet, Rechthaberei die in Fanatismus umschlägt und materielle Gier, die ihre Ziele scheinbar nur durch Intrigen erreichen und befriedigen kann.

Die Mittel und Möglichkeiten, politisches Unheil anzurichten, besaß Christian durch seinen absoluten Einfluß auf Friedrich.

Friedrich war politisch völlig passiv und der Lage, in die er hineinmanövriert wurde, ganz und gar nicht gewachsen.

Es war für Friedrich schon selbstverständlich geworden, sich in politischen Fragen zunächst an Christian und an seinen Onkel, den Herzog von Bouillon zu wenden. Aber beide hatten nicht das Format, die Entwicklungen zu steuern, die sie selbst angestoßen hatten.

Christian von Anhalt hatte in den Jahren ab 1610 versucht, für seinen Herrn den Weg zum böhmischen Königsthron zu ebnen.

Sein diplomatischer Ansatz war der Umstand daß die böhmische Krone nicht erblich war; Böhmen war ein Wahlkönigtum.

Aber es gelang ihm nicht, eine Partei zu schaffen, die stark genug war, Friedrichs Bewerbung zu unterstützen. Friedrich war nicht nur zu unerfahren und ohne Ansehen, er war Calvinist - eine Zumutung für die böhmischen Adligen und eine Gefahr für die Protestanten.

Johann Georg wäre als toleranter protestantischer Herrscher ein Wunschkandidat der Böhmen gewesen. Da er aber alle Angebote unbeantwortet ließ, war es unmöglich, ihn vorzuschlagen.

Mangels anderer, besserer Kandidaten, wurde schließlich am 17. Juni 1617 Erzherzog Ferdinand , aus dem Hause Habsburg, zum böhmischen König gewählt.

Aber die unterschiedliche Auslegung religiöser Freiheiten führte ein Jahr später in Prag zum Aufstand gegen den gewählten König, dessen Politik man in Böhmen als unzumutbare Bevormundung empfand.

Am 23. Mai 1618 warfen aufgebrachte Protestanten zwei kaiserliche Statthalter und einen Schreiber aus dem Fenster der Prager Burg.

Eine provisorische Regierung unter Graf von Thurn übernahm die Macht. Graf von Thurn wird zum militärischen Oberbefehlshaber ernannt und marschiert mit einem Heer im Juni bis vor die Tore Wiens, um nach kurzer Belagerung nach Böhmen zurückzukehren.

In der ganzen Zeit der inneren Unruhen in Böhmen war Friedrichs Kanzler Christian von Anhalt politisch besonders aktiv.

Er wollte die absehbaren Probleme nutzen, um eine Partei zu schaffen, die nun stark genug war, um Friedrich zum König zu wählen.

Die Probleme zeichneten sich sehr bald ab. In Böhmen hatten die Protestanten den formellen Waffenstillstand mit den Katholiken gebrochen. Die Jesuiten wurden ausgewiesen und die katholische Stadt Krummau von Thurn angegriffen und eingenommen. Böhmen hatte das gesamte katholische Europa gegen sich aufgebracht, und der Wiener Hof nutzte die Kreuzzugsstimmung konsequent aus. Im August 1618 marschierten zwei kaiserliche Heere Richtung Prag, und die böhmischen Aufständischen nahmen unter diesen Umständen hocherfreut ein Angebot Friedrichs von der Pfalz und des Herzogs von Savoyen zur militärischen Unterstützung an. Ein Heer von 20.000 Mann unter dem Feldherrn Ernst von Mansfeld überschritt die Grenze und belagerte Pilsen, den reichsten und bedeutensten Stützpunkt der Kaisertreuen.

Ganz Böhmen war begeistert, als nach fünfzehnstündigem erbitterten Kampf Pilsen am 21. November fiel.

Mansfeld und Thurn schlossen anschließend die kaiserlichen Truppen in Budweis ein und verwüsteten die österreichischen Grenzgebiete.

Böhmen schien gerettet.

Ende 1618 berief Christian von Anhalt eine Tagung der protestantischen Union nach Rothenburg ein. Er hoffte auf Beifall und finanzielle Unterstützung für Friedrich und seine weiteren Pläne. Um so enttäuschter war er und sein Herr, daß die versammelten Fürsten seine Pläne zur Übernahme der böhmischen Königswürde durchschauten und neutral blieben.

Weder sie noch der sächsische Kurfürst waren von dem militärischen Abenteuer angetan und bereit, es zu finanzieren.

In der Zwischenzeit hatten die böhmischen Stände auf die beharrlichen diplomatischen Andeutungen der Gesandten des Pfälzer Hofes reagiert und anfragen lassen, ob denn Friedrich bereit sei, die Krone anzunehmen, wenn sie ihm denn angeboten würde.

Die Intrigen Christians von Anhalt zum Gewinn der böhmischen Krone trugen erste Früchte, und Friedrich war wohl einer der wenigen, die nicht ahnten, welcher Preis dafür zu zahlen war.

In der Zwischenzeit erfolgte im August 1619 - auch mit der Stimme Friedrichs(!) - die Wahl Ferdinands zum Nachfolger des am 20. März 1619 verstorbenen deutschen Kaisers Matthias .

Noch am Wahltag erreicht den neuen Kaiser die Nachricht von seiner Absetzung als König von Böhmen durch die böhmischen Stände.

Der Kaiser urteilte in Kenntnis der tatsächlichen Machtverhältnisse: nur "närrische und aberwitzige Leute" könnten so etwas tun.

Trotzdem traten am 26. August die böhmischen Stände zusammen und wählten mit 100 gegen 46 Stimmen Friedrich zum neuen König von Böhmen.

Nach der Entscheidung der böhmischen Stände erbat sich Friedrich Bedenkzeit aus. Als am 12 September 1619 die Vertreter der Union in Rothenburg zusammentraten, rieten, bis auf wenige Ausnahmen, alle Vertreter Friedrich, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Böhmens einzumischen.

Auch am Heidelberger Hof warnten ihn beinahe alle, das Angebot anzunehmen. Selbst seine Mutter, beschwor ihn, nicht nach Böhmen zu gehen. Seine Räte stellten eine Liste auf, die vierzehn Gründe für die Ablehnung und sechs für die Annahme enthielt.

Sein Kanzler Christian von Anhalt, der sich durch die Entscheidung der böhmischen Stände in seinem Lebenswerk bestätigt sah und sein Onkel, Moritz von Oranien, rieten ihn zur Annahme der böhmischen Krone.

Sein Hofprediger Schultz sah in der Wahl, die Böhmen getroffen hatte, einen Fingerzeig Gottes und bedrängte Friedrich, die Krone anzunehmen.

Friedrich war total verunsichert. Nicht aus Furcht vor einer mangelnden Eignung für das Amt, sondern weil er nicht gewohnt war, überhaupt politische Entscheidungen zu fällen.

Das Ausmaß seiner Unsicherheit reflektieren die Schutzbehauptungen, in die sich Christian und Friedrich im Kreise protestantischer Fürsten flüchteten.

So argumentierten sie, daß Friedrich sich nicht mit dem deutschen Kaiser im Streit befinde, sondern mit einem abgesetzten König eines Landes, das außerhalb des kaiserlichen Machtbereiches lag. Damit hatten sie formell Recht, da erhebliche Zweifel bestanden, ob Böhmen, Schlesien, die Lausitz oder Mähren historisch gesehen überhaupt zum Gebiet des Heiligen Römischen Reiches gehörten.

Aber die Machtverhältnisse ließen auch eine andere Rechtsauffassung zu - nämlich die des Kaisers oder die der Mehrzahl der deutschen Fürsten.

Was Christian und Friedrich allerdings nicht wahrhaben wollten: mit der Entscheidung für die böhmische Krone würde Friedrich vorsätzlich den Reichsfrieden brechen!

Am 28. September unterrichtet Christian die böhmischen Unterhändler, daß Friedrich die Krone annehmen wird.

Durch diese Entscheidung hatte Christian von Anhalt die Hauptfäden europäischer Diplomatie mit dem Schicksal Friedrich von der Pfalz verknotet und vereinigte die Interessen des protestantischen Deutschlands mit denen der Feinde der Habsburger in ganz Europa.

Christian und ein weiterer Berater Friedrichs, Markgraf von Ansbach erklärten nach der Entscheidung: "Wir haben die Mittel zur Hand, um die Welt umzustürzen." - Wie Recht sie doch haben sollten...

Am 8. Oktober 1619 unterzeichnete daraufhin der Kaiser ein Abkommen mit Maximilian, wonach der Kurfürst von Bayern das Oberkommando aller militärischen Unternehmungen in Böhmen übertragen bekam.

Als Pfand für seine militärischen Auslagen erhielt er alle eroberten Gebiete.

In einem Geheimabkommen wurde vereinbart, daß Maximilian bei einer Niederlage Friedrichs dessen Kurfürstentitel erhalten sollte.

Mit Bestürzung sah Christian von Anhalt, daß ihn die günstigen Vorzeichen beim Amtsantritt Friedrichs über die tatsächliche politische Stimmung getäuscht hatten.

Die Vereinigten Niederlande, Dänemark, Schweden und die Republik Venedig erkannten zwar Friedrich als rechtmäßigen König von Böhmen an; der gemeinsame Aufstand der protestantischen Fürsten kam jedoch nicht zustande.

Frankreich, mit seinem katholischen König Ludwig XIII., gewährte den nach Paris entsandten Botschaftern Friedrichs nur den Rang kurfürstlicher Gesandten.

Christian hatte sich bei seinen Intrigen darauf verlassen, daß sowohl Frankreich als auch Spanien offen Partei für Friedrich einnehmen werden.

Aber Spanien wollte seine Kräfte für die Wiederaufnahme des Krieges mit den Niederlanden aufsparen und die französische Diplomatie sah zwei Probleme voraus: erstens war Friedrich nicht der Mann, der Böhmen gegen die Habsburger halten konnte, und zweitens wäre Friedrich aufgrund seiner Vermählung mit Elisabeth von England nach dem Tode des kränklichen Prinzen von Wales mit Sicherheit englischer König geworden.

Ein solcher Machtzuwachs konnte nicht im Interesse Frankreichs liegen.

Und die Fürsten der protestantisches Union hatten einfach Angst zu handeln.

Ein Ausspruch des Kurfürsten von Trier brachte die Stimmung auf den Punkt, wenn er sagte:

"Laßt sie in Böhmen kämpfen, soviel sie wollen, wir anderen wollen in unseren Ländern gute Freunde bleiben."

Unter diesen Vorzeichen riet Christian, eine Beratung der protestantischen Fürsten nach Nürnberg einzuberufen.

Außer den Vertretern der Union erschien kein Fürst des Reiches.

Keine der notwendigen Entscheidungen über die Rechtmäßigkeit der böhmischen Wahl wurde gefällt.

Die Schwäche Friedrichs und die Realitätsferne der Diplomatie Christians wurden in Nürnberg überdeutlich.

Während die Nürnberger Versammlung die Uneinigkeit der deutschen protestantischen Fürsten und die Führungsschwäche Friedrichs offenlegte, dokumentierte die katholische Gegenpartei in einer vom Kaiser im März 1620 nach Mühlhausen einberufenen Versammmlung Stärke und Einigkeit.

In Mühlhausen waren nicht nur die Vertreter der katholischen Liga, sondern auch die Abgesandten des Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg anwesend.

Johann Georg hatte bisher die Stärke der Pfälzer Partei in Prag völlig unterschätzt. Vor der Wahl Friedrichs hatte er sich noch eingebildet, daß man ihm die Krone antragen werde. Heimlich hatte er gehofft, man würde ihn wählen; natürlich hätte er die Krone abgelehnt, aber aus dieser Ablehnung seine Vorteile zu sichern gewußt. Er wäre dann als Hüter der Reichsordnung und der Beschützer der Protestanten in Böhmen gegenüber dem Kaiser aufgetreten und hätte sein Gewicht am Hofe dadurch verstärken können.

Mit der Wahl Friedrichs waren nicht nur seine Hoffnungen verflogen, sondern auch seine territorialen Interessen gefährdet.

Friedrich war mit zwei Kurstimmen nicht nur einer der einflußreichsten Kurfürsten geworden, sondern als Beherrscher des Oberlaufs der Elbe und Oder und des Mittellaufs des Rheins einer der mächtigsten Fürsten Deutschlands.

Vor der Wahl Friedrichs konnte sich Johann Georg als Schiedsrichter des Reiches wähnen, nach der Wahl mußte er befürchten, zwischen Brandenburg im Norden und Böhmen im Süden von wichtigen Verbindungswegen abgeschnitten zu werden.

Entsprechend waren seine Entscheidungen.

Die in Mühlhausen anwesenden Fürsten bzw. deren Vertreter erklärten Böhmen zum Reichsgebiet.

Das war die Entscheidung gegen Friedrich, der damit nach der Auffassung der Fürsten den Reichsfrieden gebrochen hatte und bestraft werden konnte.

Der Kaiser erließ daraufhin am 30. April ein Mandat, wonach sich Friedrich bis zum 1. Juni 1620 aus Böhmen hätte zurückziehen müssen.

Daß Friedrich diesem Mandat nicht nachkam, war der eigentliche Anlaß zum Krieg.

Ein Kniefall vor dem Kaiser hätte den begrenzten politischen Fähigkeiten Friedrichs entsprochen und ihm zumindestens die Kurfürstenwürde und seine Erblande erhalten.

So lagen die Dinge, als im Juli 1620 das 25.000 Mann starke vereinigte katholische Heer Friedrichs Hauptstadt näherte.

Das böhmische Heer war in einem beklagenswerten Zustand: ohne Geld, hungernd, vom Typhus heimgesucht, plünderte es demoralisiert die Bauern aus. Mansfeld hielt zwar noch immer Pilsen, aber seine Soldaten liefen einfach nach Hause. Die Offiziere, die das hätten verhindern können, betranken sich ungestraft in den Schänken der Stadt. Ohne Geld keine Disziplin. Eine Meuterei wurde im letzten Moment durch den heranrückenden Feind verhindert.

Dieser Feind bestand aus Söldnern vieler Nationen, die durch Jesuitenprediger angefeuert wurden. Die größten Kanonen waren nach den Aposteln benannt und der Kaiser hatte feierlich erklärt, den Oberbefehl hätte die Muttergottes selber. - Was wiederum zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Maximilian und dem Befehlshaber der kaiserlichen Truppen Bucquoy führte.

Zwei Tagesmärsche südlich von Prag war Friedrich bei dem zusammengewürfelten Haufen des sogenannten böhmischen Heeres erschienen; - gerade noch rechtzeitig, um den Streit zwischen Thurn und Christian von Anhalt über den Oberbefehl zu schlichten.

Am Abend des 7. Novembers bezogen die böhmischen Truppen unter den Oberkommando Christians das Plateau des Weißen Berges, der Prag um einiges überragte und eine taktisch gute Ausgangsstellung gegen einen angreifenden Feind bot.

Christian war sich so sicher, daß die kaiserlichen Truppen unter den gegebenen Umständen nicht angreifen werden, daß er noch nicht einmal Befehle für den folgenden Tag ausgab.

Die gegebenen Umstände waren die, daß das katholische Heer hungrig, verseucht und völlig erschöpft war, die Pferde kein Futter hatten, weil die Umgebung verwüstet und durch Bethel Gabors Truppen ausgeplündert, und der 8. November nebelig und kalt war.

Außerdem trennte ein Fluß die Verteidiger von den Angreifern, die bei einem Angriff auch noch bergauf hätten stürmen müssen.

Die Kommandeure der Truppen Maximilians rieten von einem Angriff ab. Maximilian setzte hingegen auf einen sofortigen Angriff.

Die lange Verzögerung, die durch den Kriegsrat Maximilians entstand, bestärkte Christian in seiner Annahme, daß es nicht zum Kampf kommen werde.

Um so überraschter war er, als Tilly , durch starkes Artilleriefeuer unterstützt, plötzlich im Zentrum angriff.

Zunächst hielten die Böhmen dem Angriff stand. Aber als Christians Sohn, der den rechten Flügel der Böhmen kommandierte, verletzt wurde und in Gefangenschaft geriet, und auch noch die Ungarn in heilloser Flucht über die Moldau setzten, brach die rechte Front zusammen.

Auf der Linken versuchten die Offiziere mit vorgehaltenem Degen die Mannschaften zu disziplinieren, aber außer der mährischen Leibgarde, die sich nicht ergab, durchbrachen die Soldaten die Front Richtung Prag.

Friedrich saß mit englischen Gesandten in Prag beim Mittagsmahl.

Er war guter Laune, denn Christian hatte ihm versichert, daß der Krieg heute und auch in nächster Zeit nicht stattfinden wird, der Feind sei zu schwach.

Nach dem Mahl wollte er seine tapferen Krieger begrüßen und soll in Begleitung von 500 Reitern ausgeritten sein. Als er vor das Stadttor ritt, kamen ihm die ersten Flüchtlinge entgegen.

Kurz danach kam auch völlig zerzaust und verzweifelt Christian von Anhalt angeritten. Jetzt erst begriff Friedrich, daß sein Königreich verloren war.

Es herrschte totales Chaos.

Friedrich und seine Familie, seine Anhänger und "Freunde" flohen überstürzt aus Prag in Richtung Schlesien.

Christian von Anhalt, vom Kaiser geächtet, floh zunächst nach Schweden; später nach dem dänischen Holstein.

Von dort schrieb er Bittbriefe an den Kaiser, in denen er ungeniert behauptete, von Friedrich irregeführt worden zu sein.

Nachdem Christian ein viertel Jahrhundert fanatisch und verbohrt Politik gegen das Reich betrieben hatte, wollte er jetzt nicht etwa seinen heimatlosen Kurfürsten unterstützen, sondern nur noch auf seinem geliebten Bernburg in Ruhe sein Altenteil genießen.

An den Kaiser schrieb er sinngemäß: er sei wohl in seinem Eifer für die reformierte Religion etwas zu weit gegangen, aber wo auf Erden findet sich denn einer, dem nicht gelegentlich etwas Törichtes unterliefe? Sei nicht Gott allein ohne Fehl, die Kreatur stets fehlbar? So möchte denn die Majestät den Mantel ihrer Sanftmut auch über seine, Christians, Fehler decken und ihm verzeihen...

Soweit die Quellen den weiteren Lebensweg Christians von Anhalt überhaupt für erwähnenswert halten, scheint der Kaiser lange gezögert zu haben, den Mantel der Sanftmut über ihm auszubreiten.

1624 wurde seine Unterwerfung angenommen.

Christian von Anhalt starb 1630.

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